Full text : Die Konsumtion

Wirtschaftlichkeit  in  der  Konsumtion.

109

§  3

als  ein  Schuldnerland  einen  Teil  seiner  Kaufkraft  als  Zinsen  abgibt,  ein  Gläubigerland
sie  durch  den  Zinsenbezug  vom  Auslande  verstärkt.  Ferner  kann  (in  der  Verkehrswirtschaft ­
  wie  in  der  Eigenwirtschaft)  vom  aufgesparten  Gütervorrat  einer  vorangehenden ­
  Wirtschaftsperiode  gezehrt  werden,  über  die  Produktion  und  Kaufkraft
der  laufenden  Wirtschaftsperiode  hinaus;  andererseits  kann  auch  ein  Teil  der  laufenden ­
  Produktion,  unkonsumiert,  den  Gütervorrat  vermehren,  um  künftiger  Konsumtion ­
  oder  Produktion  zu  dienen;  diese  „Ersparnis“,  um  deren  Betrag  sich  die  gegenwärtige ­
  Konsumtion  vermindert,  wird  um  so  größer  sein,  je  reichlicher  der  Augenblicksbedarf ­
  der  Konsumenten  schon  gedeckt,  je  mehr  ihr  Zukunftssinn  entwickelt
ist,  je  sicherer  und  rentabler  *)  die  Ersparnisse  plaziert  werden  können.  Ob  nun
diese  Zukunftsfürsorge  in  Form  der  Aufsammlung  von  Vorräten  oder  (privatwirtschaftlich) ­
  durch  Geldersparnisse  erfolgt,  in  beiden  Fällen  bewirkt  sie  einen  Aufschub ­
  der  Konsumtion,  ihre  vorläufige  Einschränkung  (zum  Teil  bei  gleichzeitiger ­
  Ausdehnung  der  technischen  Quasi-Konsumtion).  —  Mit  der  Kreditwirtschaft ­
  beginnt  für  den  einzelnen  Konsumenten  wie  für  das  Volk  die  gefährliche  Möglichkeit, ­
  über  die  Kaufkraft  des  Einkommens  und  Vermögens  hinaus  von  den  volkswirtschaftlichen ­
  oder  weltwirtschaftlichen  Vorräten  auf  Kredit  zu  konsumieren.
In  der  Verkehrswirtschaft  ist  der  Bedarf  durch  die  verfügbare  Kaufkraft  nicht
nur  im  ganzen  nach  oben  begrenzt,  sondern  auch  zwischen  den  Konsumenten  abgestuft, ­
  auch  wenn  die  Bedürfnisse  der  Konsumenten  gleich  sind.  So  scheidet  sich  die
Bedarfsgröße  von  der  Bedürfnisstärke.  Bedarf  ist  die  Summe
der  von  Kaufkraft  unterstützten  Bedürfnisse.  In  einer  aus  Reich  und  Arm  gemischten ­
  Bevölkerung  mit  ungleichem  Einkommen,  aber  gleichen  Bedürfnissen
werden  daher  durch  die  Deckung  des  kaufkräftigen  Bedarfs  die  Bedürfnisse  der  einzelnen ­
  Konsumenten  ungleich  befriedigt.
Konsumenten  sind  alle  Menschen;  also  außer  dem  arbeitstätigen  Teil
der  Bevölkerung  die  Rentner,  die  Arbeitslosen  und  die  Arbeitsunfähigen  (Kinder,
Kranke,  Greise):  eine  erhebliche  Quote  der  Gesamtheit,  besonders  in  Gläubigerländern ­
  mit  starker  Rentnerbevölkerung  und  in  der  Großstadt,  dem  beliebten  Standorte ­
  der  Konsumtion  von  Pachtrenten  (Absentismus  der  Verpächter)  und  von  Zinsen.
Soweit  die  Menschen  nicht  über  eine  Kaufkraft  aus  eigenem  Erwerbe  verfügen,  wird
ihnen  die  Konsumtionsmöglichkeit  durch  Alimentationspflicht  oder  Wohltätigkeit
vermittelt.
Es  kann  demnach  zwischen  Produzenten  und  Konsumenten  ein  Interessengegensatz ­
  aufkommen,  weil  nicht  alle  Konsumenten  zugleich  Produzenten  sind,  zumal
im  modernen  Gläubiger-  und  Rentnerstaate.  Insbesondere  ist  der  reine  Konsument
geborener  Freihändler.
§  3.  Wirtschaftlichkeit  in  der  Konsumtion.
Wenn  wir  im  Bedarfe  der  Konsumtion  einen  Ausgangspunkt  der  Volkswirtschaftslehre ­
  sehen,  so  ist  es  doch  nicht  Aufgabe  dieses  Abschnitts,  die  Fäden  im
einzelnen  zu  verfolgen,  die  von  ihm  ausgehend  die  Produktion  in  ihrer  Richtung,
ihrem  Standort,  ihrer  Betriebsgröße,  ihren  Schwankungen  und  ihrer  Krisengefährlichkeit ­
  determinieren.  Diese  Aufgabe  ist  andern  Abschnitten  dieses  Werks
x )  Daß  steigender  Zinsfuß  die  Sparquote  vergrößert,  ist  wohl  unbestritten.  Mitunter  wird
aber  auch  behauptet,  sinkender  Zinsfuß  wirke  ebenso,  weil  die  an  eine  gewisse  Zinseneinnahme
gewöhnten  Kapitalisten  den  Zinsverlust  einbringen  möchten.  Dann  wäre  jede  Schwankung
des  Zinsfußes,  nach  oben  oder  nach  unten,  dem  Sparen  förderlich,  seine  Stabilität  schädlich.
Allein  die  Psychologie  der  Kapitalisten  ist  komplizierter  als  diese  Formel.  Mögen  manche
Kapitalisten  bei  sinkendem  Zinsfuß  um  so  mehr  sparen,  so  werden  andre  von  einer  gewissen
Grenze  des  Zinsfußes  an  lieber  ihren  Arbeitsverdienst  steigern  oder  im  Maße  der  Zinseneinbuße ­
  ihre  Konsumtion  einschränken  oder  ihre  Kinderzahl  beschränken,  oder  endlich  weniger
sparen;  für  die  nachwachsende  Generation  der  Kapitalisten  vollends  wird  die  Höhe  des  früheren ­
  Zinsertrages  kein  Gesichtspunkt  mehr  sein.  (Aehnlich  J.  Wolf,  Nationalökonomie
als  exakte  Wissenschaft,  1908,  S.  183.)
            
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.