Full text : Die Konsumtion

Allgemeine  Statistik  der  Konsumtion.

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§  5

leiter  des  Alkoholkonsums  darstellen,  wenn  nicht  die  natürlichen  örtlichen  Bedingungen ­
  der  Alkoholproduktion  und  -konsumtion  diese  Differenzierung  aus  nicht
ethnischen  Gründen  erklärten,  bzw.  der  natürlich  bedingte  hohe  Alkoholkonsum
der  Weinländer  vielleicht  eine  primäre  Ursache  der  psychologischen  Unterschiede
zwischen  Romanen  als  Weinkonsumenten,  Germanen  und  Slaven  als  Bierkonsumenten ­
  und  Branntweinkonsumenten  sein  könnte.  Der  niedere  Alkoholkonsum
Schwedens  und  Norwegens  ist  ein  Erfolg  der  dortigen  Alkoholgesetzgebung  und  des
Gotenburger  Systems.
Zugleich  scheint  aber  aus  der  obigen  Tabelle  hervorzugehen,  daß  der  Alkoholkonsum ­
  auch  von  der  Höhe  des  Einkommens  abhängt,  so  daß  arme  Länder  wie  Rußland ­
  auf  den  billigen  Branntwein  angewiesen  sind,  um  ihren  Rauschbedarf  auch  nur
notdürftig  zu  befriedigen.  (Es  könnte  freilich  auch  im  städtischen  Leben  die  Ursache
dieser  Konsumsteigerung  zu  suchen  sein.)  Wir  münden  damit  in  die  allgemeine
Regel  ein,  daß  die  entbehrlichen  Bedürfnisse  erst  auf  höheren  Einkommensstufen
sich  breit  machen.  Allerdings  hat  man  zwischen  Not-  und  Behäbigkeitsalkoholismus ­
  *)  unterscheiden  wollen,  in  dem  Sinne,  daß  nur  der  letztere  eine  Funktion  reichlichen ­
  Einkommens  sei,  der  erstere  vielmehr  ein  Verzweiflungsprodukt  wirtschaftlichen ­
  Elends  *  2 ),  zur  Vortäuschung  eines  Kraftgefühls,  das  in  weitesten  Konsumentenkreisen ­
  für  echt  gehalten  wird,  und  zur  Uebertäubung  des  Hungers  und  Lebensüberdrusses. ­
  Allein  im  westlichen  Europa  und  in  Nordamerika  scheint  doch  der
Notalkoholismus  wenigstens  in  den  Bevölkerungsschichten,  die  einer  Konsumstatistik ­
  zugänglich  sind,  zurückzutreten  3 ).  Haushaltsrechnungen,  von  denen  der
nächste  Paragraph  handeln  wird,  zeigen,  daß  nicht  nur  der  Alkoholverbrauch  mit  dem
Einkommen  der  Familie  zunimmt,  sondern  daß  er  auch  mit  abnehmender  Kinderzahl ­
  rapide  zunimmt,  sowohl  bei  Arbeiter-  wie  bei  Beamtenfamilien;  zweiköpfige
Arbeiterfamilien  geben  im  Durchschnitt  nach  der  deutschen,  allerdings  nicht  sehr
ausgedehnten  Erhebung  von  1907  4  * )  jährlich  90  Mark,  neunköpfige  53  Mark  aus;
zweiköpfige  Beamtenfamilien  98  Mark,  achtköpfige  nur  38  Mark.  Man  darf  aber  nicht
übersehen,  daß  die  Angaben  über  den  Alkoholkonsum  nicht  die  zuverlässigsten
sein  dürften.
Nimmt  man  für  die  letzten  Jahrzehnte  zunehmenden  Wohlstand  an,  so  scheint
auch  die  Zunahme  des  Alkoholkonsums  seinen  Zusammenhang  mit  dem  Wohlstand
zu  bestätigen;  doch  fragt  sich  auch  hier,  ob  nicht  der  gleichzeitigen  Urbanisierung
der  im  Wohlstand  fortschreitenden  Länder  mindestens  eine  mitwirkende  Rolle  zukommt. ­
  Nach  Struve  war  der  jährliche  Konsum,  in  Litern  Alkohol  pro  Kopf  gemessen, ­
  in

FrankBel ­

 ­

  Großbrit.

DeutschOesterr.- ­





SchweRuß ­

 ­

 ­



gien

lien  u.  Irland

land

Ung.

Staaten

den

land

wegen

1885—89

15,73

11,56

12,32  9,86

8,54

8,36

4,92

4,51

3,36

2,15

1890—94

18,44

12,42

12,43  10,67

9,27

8,18

5,69

4,64

2,56

2,7

1895—99

18,64

13,02

10,86  11,11

9,74

8,72

5,26

5,67

2,59

2,13

1900—04/5

22,42

12,97

14,13  10,84

9,54

9,00

6,4

6,15

2,65

2,25

Im  20.  Jahrhundert  zeigen  einige  Länder  einen  merklichen  Rückgang  des  Konsums ­
  6 ),  und  zwar  mindestens  Deutschland  auch  über  das  Jahr  1905  hinaus,  zum
Teil  unter  dem  Einfluß  erhöhter  Besteuerung,  auf  den  wir  zurückkommen  werden.

J )  Es  darf  nicht  übersehen  werden,  daß  der  Alkoholkonsum  daneben  drittens  auch  der
sozialen  Rivalität  dient,  sofern  eine  „soziale  Prahlsucht“  (S  t  e  h  r,  Alkoholgenuß  und  wirtschaftliche ­
  Arbeit,  1904)  beim  Arbeiter  ihr  Ziel  in  der  Stärke  des  Alkoholkonsums  sucht,  wie
bei  der  Arbeiterin  im  Putz.
а )  Vgl.  K  u  b  a  t  z  ,  Zur  Frage  einer  Alkoholkonsumstatistik,  Greifswalder  Dissertation,
München  1907,  nach  Wlassaks  Terminologie.
3 )  Beispiele  von  Notalkoholismus:  Herkner,  Arbeiterfrage,  3.  Aufl.  S.  466.
*)  Bei  dieser  Erhebung  ist  übrigens  der  Parallelismus  des  Alkoholkonsums  mit  der  Einkommenshöhe ­
  zu  vermissen.
б )  Vgl.  auch  Reichsarbeitsblatt  1910,  S.  189  f.  (Ziffern  teilweise  bis  1909).
            
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