Full text: Die Konsumtion

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§ 7 
Moderne Wandlungen der Konsumtion. 
§ 7. Moderne Wandlungen der Konsumtion. 
Erst die Beschäftigung mit dem empirischen Detail dieser Wirtschaftsrech 
nungen hat nun den Anlaß geboten, in der bunten Fülle der Konsumtionsgestal 
tungen gewisse leitende Typen der Konsumtionsgeschichte zu unterscheiden und 
Entwicklungstendenzen zu studieren, zunächst auf dem Gebiete der Ernährung 1 ). 
Nach unserer heutigen Einsicht können wir Folgendes sagen. 
1. Die erste Unterscheidung, auf die wir Wert legen, ist die zwischen dem Kon 
sumenten der alten Eigenwirtschaft und dem der modernen V erkehrs- 
wirtschaft. Der sich vollendende Uebergang aus der alten bäuerlichen Eigen 
wirtschaft, die ihre eigenen Produkte verbraucht, in die kaufende und verkaufende 
Verkehrswirtschaft ist für alle Volkswirtschaft grundlegend, für den Gang der Kul 
turgeschichte von einschneidender Bedeutung. In diesem Abschnitte des Hand 
buchs handelt es sich nur um den direkten Einfluß, den er auf die Konsumtion übt. 
Für die Produktion von tausendfachem Gewinn, ist er nicht ohne schwere Nachteile 
für den Konsumenten, zunächst durch den Verlust von Konsumtionswerten. 
a) Der Uebergang in die Verkehrswirtschaft bedeutet für den Konsumenten 
eine Einbuße an ideellen Werten. 
1. Die spezifischen Affektionswerte der Eigenwirtschaft 
gehen verloren, mag auch äußerlich die Lebenshaltung des verkehrswirtschaftlichen 
Konsumenten komfortabler werden. Wie er nicht mehr für den Bedarf der eigenen 
Familie arbeitet, so verzehrt er nicht mehr das Erzeugnis der eigenen Wirtschaft; 
er ißt nicht das selbstgebaute Brot und trägt nicht die im eigenen Hause gesponnene 
und gewebte Leinwand, sondern fremdes gekauftes Produkt. Sein wirtschaftliches 
Leben ist innerlich verarmt, aber nur selten kommt diese Verarmung ihm durch 
einen äußerlichen Maßstab zum Bewußtsein 2 ). 
2. Aber auch innerhalb der Verkehrswirtschaft potenziert sich diese Verarmung; 
der mechanisierende Einfluß des Großbetriebs und die moderne Arbeits 
hetze beeinträchtigen die in der Produktion selbst, auch in der berufsteiligen 
Produktion noch wurzelnde Befriedigung, die als solche ja Konsumtion ist; das 
Tretrad verscheucht die Arbeitsfreude. Die abhängige Stellung des lebens 
länglichen Arbeitnehmers mindert zugleich die Berufsfreudigkeit, die die Arbeit 
des selbständigen Produzenten verschönte. 
3. Indem die moderne Verkehrswirtschaft einen wachsenden Teil der Bevöl 
kerung in Großstädten konzentriert, trennt sie ihn von der Natur. Der Mensch 
hat heute vergessen, wie er einst unmittelbar in der Natur gelebt hat, und mit welchem 
Reichtum lebensvoller Eindrücke die Natur seinen Gesichtskreis gefüllt haben muß; 
in der Stadt ist er bettelarm geworden. Am beklagenswertesten ist die Masse der 
Großstadtjugend; wird doch Ostlondoner Volksschülern bei Exkursionen ins naturge 
schichtliche Museum zwischen Spirituspräparaten exotischer Tiere die Photographie je 
eines Baumes mit und ohne Laub gezeigt, weil die Kinder in der Wirklichkeit beides 
nicht sehen. Mag in der Uebergangszeit den Großstädter sein Großstadtstolz und 
J ) Eine Vorarbeit gaben schon die Studien Le Plays, dessen Konstruktionen aber 
über das Gebiet der Konsumtion weit hinausgreifen. In neuerer Zeit hat neben Max Webers 
Analyse der Ernährung ostelbischer Landarbeiter (Schriften des Vereins für Sozialpolitik, 
Bd. 55, 1892, und Archiv für soziale Gesetzgebung 1894) namentlich Dr. med. G r o t j a h n 
durch seine in § 1 zitierte Schrift (1902) trotz mancher Irrtümer anregend gewirkt. Von der 
einschlägigen physiologischen Literatur (vgl. § 1) wird noch die Rede sein. 
2 ) Vgl. Max Weber im Archiv für soziale Gesetzgebung 1894, S. 11, Amn.: „Es ist 
zweifellos, daß heute das ländliche Gesinde ganz unvergleichlich besser genährt ist, als irgend 
eine andere Kategorie ländlicher Arbeiter. Der Deputant und verheiratete Tagelöhner würde 
eine Kost, wie sie ihm seine Frau vorsetzt, niemals dauernd sich aus der Gutsküche bieten 
lassen; die gleiche subjektive Befriedigung könnte ihm diese, wenn überhaupt, nur durch 
ein erhebliches Mehrmaß von Leistungen dauernd verschaffen.“ Die vertragsmäßige Natural 
kost repräsentiert hier den verkehrswirtschaftlichen Typus insofern, als ihr der subjektive 
Reiz des Eigenwirtschaftlichen fehlt.
	        
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