Full text : Die Konsumtion

139

§  7

Moderne  Wandlungen  der  Konsumtion.

§  7.  Moderne  Wandlungen  der  Konsumtion.
Erst  die  Beschäftigung  mit  dem  empirischen  Detail  dieser  Wirtschaftsrechnungen ­
  hat  nun  den  Anlaß  geboten,  in  der  bunten  Fülle  der  Konsumtionsgestaltungen ­
  gewisse  leitende  Typen  der  Konsumtionsgeschichte  zu  unterscheiden  und
Entwicklungstendenzen  zu  studieren,  zunächst  auf  dem  Gebiete  der  Ernährung  1 ).
Nach  unserer  heutigen  Einsicht  können  wir  Folgendes  sagen.
1.  Die  erste  Unterscheidung,  auf  die  wir  Wert  legen,  ist  die  zwischen  dem  Konsumenten ­
  der  alten  Eigenwirtschaft  und  dem  der  modernen  V  erkehrswirtschaft.
  Der  sich  vollendende  Uebergang  aus  der  alten  bäuerlichen  Eigenwirtschaft, ­
  die  ihre  eigenen  Produkte  verbraucht,  in  die  kaufende  und  verkaufende
Verkehrswirtschaft  ist  für  alle  Volkswirtschaft  grundlegend,  für  den  Gang  der  Kulturgeschichte ­
  von  einschneidender  Bedeutung.  In  diesem  Abschnitte  des  Handbuchs ­
  handelt  es  sich  nur  um  den  direkten  Einfluß,  den  er  auf  die  Konsumtion  übt.
Für  die  Produktion  von  tausendfachem  Gewinn,  ist  er  nicht  ohne  schwere  Nachteile
für  den  Konsumenten,  zunächst  durch  den  Verlust  von  Konsumtionswerten.
a)  Der  Uebergang  in  die  Verkehrswirtschaft  bedeutet  für  den  Konsumenten
eine  Einbuße  an  ideellen  Werten.
1.  Die  spezifischen  Affektionswerte  der  Eigenwirtschaft
gehen  verloren,  mag  auch  äußerlich  die  Lebenshaltung  des  verkehrswirtschaftlichen
Konsumenten  komfortabler  werden.  Wie  er  nicht  mehr  für  den  Bedarf  der  eigenen
Familie  arbeitet,  so  verzehrt  er  nicht  mehr  das  Erzeugnis  der  eigenen  Wirtschaft;
er  ißt  nicht  das  selbstgebaute  Brot  und  trägt  nicht  die  im  eigenen  Hause  gesponnene
und  gewebte  Leinwand,  sondern  fremdes  gekauftes  Produkt.  Sein  wirtschaftliches
Leben  ist  innerlich  verarmt,  aber  nur  selten  kommt  diese  Verarmung  ihm  durch
einen  äußerlichen  Maßstab  zum  Bewußtsein  2 ).
2.  Aber  auch  innerhalb  der  Verkehrswirtschaft  potenziert  sich  diese  Verarmung;
der  mechanisierende  Einfluß  des  Großbetriebs  und  die  moderne  Arbeitshetze ­
  beeinträchtigen  die  in  der  Produktion  selbst,  auch  in  der  berufsteiligen
Produktion  noch  wurzelnde  Befriedigung,  die  als  solche  ja  Konsumtion  ist;  das
Tretrad  verscheucht  die  Arbeitsfreude.  Die  abhängige  Stellung  des  lebenslänglichen ­
  Arbeitnehmers  mindert  zugleich  die  Berufsfreudigkeit,  die  die  Arbeit
des  selbständigen  Produzenten  verschönte.
3.  Indem  die  moderne  Verkehrswirtschaft  einen  wachsenden  Teil  der  Bevölkerung ­
  in  Großstädten  konzentriert,  trennt  sie  ihn  von  der  Natur.  Der  Mensch
hat  heute  vergessen,  wie  er  einst  unmittelbar  in  der  Natur  gelebt  hat,  und  mit  welchem
Reichtum  lebensvoller  Eindrücke  die  Natur  seinen  Gesichtskreis  gefüllt  haben  muß;
in  der  Stadt  ist  er  bettelarm  geworden.  Am  beklagenswertesten  ist  die  Masse  der
Großstadtjugend;  wird  doch  Ostlondoner  Volksschülern  bei  Exkursionen  ins  naturgeschichtliche ­
  Museum  zwischen  Spirituspräparaten  exotischer  Tiere  die  Photographie  je
eines  Baumes  mit  und  ohne  Laub  gezeigt,  weil  die  Kinder  in  der  Wirklichkeit  beides
nicht  sehen.  Mag  in  der  Uebergangszeit  den  Großstädter  sein  Großstadtstolz  und
J )  Eine  Vorarbeit  gaben  schon  die  Studien  Le  Plays,  dessen  Konstruktionen  aber
über  das  Gebiet  der  Konsumtion  weit  hinausgreifen.  In  neuerer  Zeit  hat  neben  Max  Webers
Analyse  der  Ernährung  ostelbischer  Landarbeiter  (Schriften  des  Vereins  für  Sozialpolitik,
Bd.  55,  1892,  und  Archiv  für  soziale  Gesetzgebung  1894)  namentlich  Dr.  med.  G  r  o  t  j  a  h  n
durch  seine  in  §  1  zitierte  Schrift  (1902)  trotz  mancher  Irrtümer  anregend  gewirkt.  Von  der
einschlägigen  physiologischen  Literatur  (vgl.  §  1)  wird  noch  die  Rede  sein.
2 )  Vgl.  Max  Weber  im  Archiv  für  soziale  Gesetzgebung  1894,  S.  11,  Amn.:  „Es  ist
zweifellos,  daß  heute  das  ländliche  Gesinde  ganz  unvergleichlich  besser  genährt  ist,  als  irgend
eine  andere  Kategorie  ländlicher  Arbeiter.  Der  Deputant  und  verheiratete  Tagelöhner  würde
eine  Kost,  wie  sie  ihm  seine  Frau  vorsetzt,  niemals  dauernd  sich  aus  der  Gutsküche  bieten
lassen;  die  gleiche  subjektive  Befriedigung  könnte  ihm  diese,  wenn  überhaupt,  nur  durch
ein  erhebliches  Mehrmaß  von  Leistungen  dauernd  verschaffen.“  Die  vertragsmäßige  Naturalkost ­
  repräsentiert  hier  den  verkehrswirtschaftlichen  Typus  insofern,  als  ihr  der  subjektive
Reiz  des  Eigenwirtschaftlichen  fehlt.
            
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.