Full text : Die Konsumtion

142  I.  Buch  B  III:  K.  Oldenberg,  Wirtschaft,  Bedarf  u.  Konsum.  §  7

1851  *).  Ebenso  fand  er  bei  Bergleuten  und  Hüttenarbeitern  verschiedener  Länder
eine  unvergleichlich  bessere  Ernährung,  wenn  sie  nebenher  Landwirtschaft  trieben,
als  wo  sie  nur  auf  Geldlohn  angewiesen  waren  3 ).  Auch  die  bessere  Ernährung  von
Arbeitnehmern  mit  freier  Station  gehört  in  diesen  Zusammenhang  3 ).  Fünftens  kann
in  der  Verkehrswirtschaft  gewöhnlich  nicht  die  Arbeitskraft  der  Familienglieder ­
  so  ausgenutzt  werden,  wie  in  der  bäuerlichen  Eigenwirtschaft;
daher  schlechtere  Ernährung  großer  Familien.
3.  Den  Vorzügen  der  Eigenwirtschaft  stand  in  Mißerntejahren  das  Risiko  der
Hungersnot  gegenüber,  dem,  wie  schon  hervorgehoben  wurde,  die  Verkehrswirtschaft ­
  abhilft 4 ).  Am  günstigsten  sind  daher  Bevölkerungen  situiert,  die  mit
ausgebreiteter  Eigenwirtschaft  den  Anschluß  an  den  Weltverkehr  verbinden;  es  ist
nicht  ausgeschlossen,  daß  die  Langlebigkeit  skandinavischer  Völker,  deren  landwirtschaftliche ­
  Eigenproduktion  freilich  leicht  überschätzt  wird,  damit  zusammenhängt ­
  8 ).
4.  Aber  andererseits  wirkt  der  Anschluß  an  den  Verkehr  auch  auf  die  Eigenwirtschaft ­
  des  Landmanns  auflösend,  und  gefährdet  seine  Ernährung  noch  in  besonderer
Weise,  indem  er  ihm  durch  das  Angebot  lockender  Preise  erstens  die  Reservevorräte
entzieht  und  zweitens  gerade  die  wertvollsten,  transportabelsten  Produkte  seiner
Wirtschaft  vom  Munde  nimmt;  auch  hier  fängt  das  scharfe  Rechnen  an.  Durch
diese  Mobilisierung  und  „M  erkantilisierung“  der  Bodenprodukte  scheinen
in  Rußland  und  Indien  die  Hungersnöte  vermehrt  worden  zu  sein,  weil  die  Kornvorräte ­
  aus  früheren  Jahren  versilbert  sind,  um  Schulden  zu  bezahlen  6 ).  Der
russische  Bauer  verkauft  auch  die  Eier,  die  er  früher  seinen  Kindern  gab.  In
Deutschland  wie  in  den  Nachbarstaaten  verkauft  der  Landwirt  mehr  als  gut  die
Produkte  seiner  Viehwirtschaft  und  ersetzt  sie  durch  verkehrswirtschaftliche  Surrogate ­
  wie  Margarine,  Kaffee,  Zichorienbrühe,  Bier,  Schnaps,  Süßigkeiten;  namentlich ­
  sollen  die  Molkereigenossenschaften  in  der  bäuerlichen  Ernährung  Verwüstungen

*)  S.  37:  „Sie  verdanken  dies  dem  Umstande,  daß  sie  der  noch  in  der  Mitte  des  19.?Jahrhunderts
  in  den  Vororten  englischer  Großstädte  üblichen  Sitte  huldigten,  auch  ohne  eigenen
Acker  sich  mit  gekauften  Kartoffeln  ein  Schwein  zu  mästen  und  für  den  Hausgebrauch  zu
schlachten.  Ermöglicht  wurde  dieser  Brauch  dadurch,  daß  in  England  auch  die  Arbeiter
weniger  in  Mietskasernen  als  in  kleinen,  einstöckigen  Häusern  wohnten  und  meist  gegenwärtig ­
  noch  wohnen.  Die  Hausschlachtungen  in  den  englischen  cottages  hatten  allerdings
den  Uebelstand,  daß  die  engen  Gäßchen  durch  Schmutz,  Mist  und  Schlachtabfälle  auf  das
gröblichste  verunreinigt  wurden.  Die  in  den  60er  Jahren  in  großartigem  Maßstabe  durchgeführte ­
  Assanierung  der  englischen  Städte  beseitigte  daher  durch  Verbote  die  Hausschlachtungen, ­
  wohl  zum  Vorteil  der  Reinlichkeit  der  Straßen,  aber  nicht  zum  Vorteil  der  Volksernährung.“ ­

3 )  S.  35  f.
3 )  Man  hat  gelegentlich  beobachtet,  daß  ein  Dienstmädchen  in  der  Großstadt  mit  halber
Naturalkost  und  halbem  Kostgeld  abmagert,  weil  sie  das  Kostgeld  spart,  dagegen  in  der  nächsten ­
  Stellung  mit  voller  Naturalkost  die  Fülle  ihrer  Formen  alsbald  wiedergewinnt.  Auch
hier  entspricht  der  Naturalwirtschaft  gute,  der  Geldwirtschaft  schlechtere  Ernährung,  unabhängig ­
  von  der  gesamten  Einkommenshöhe.  Ebenso  dürfte  der  Uebergang  des  Handwerksgesellen ­
  zur  geldwirtschaftlichen  Selbstbeköstigung  die  Ernährung  im  Durchschnitt  verschlechtert ­
  haben.  Vgl.  z.  B.  Schriften  des  Vereins  für  Sozialpolitik,
Bd.  63,  S.  44.  Der  Vorzug  naturalwirtschaftlicher  Beköstigung  zeigt  sich  übrigens  auch  im
ländlichen  Arbeitsverhältnis,  wo  überdies  unter  dem  Einflüsse  des  Arbeitsmangels  die  Gesindekost ­
  sich  verbessert  hat;  nicht  selten  haben  Bauern  erklärt,  sie  würden  ohne  ihr  Gesinde
gern  einfacher  essen.  Die  Lebenshaltung  des  Gesindes  färbt  dann  auch  auf  die  Arbeiter  mit
eigenem  Haushalt  ab.
4 )  Heute  ist  in  Städten  wie  Berlin  nicht  einmal  mehr  ein  Zusammenhang  zwischen  Lebensmittelpreisen ­
  und  Sterblichkeit  erkennbar;  andere  Einflüsse,  wie  die  Konjunktur,  überwiegen.
Vgl.  B  a  11  o  d  ,  Die  mittlere  Lebensdauer  in  Stadt  und  Land,  1899,  S.  54—56.
*)  Vgl.  G  r  o  t  j  a  h  n  ,  S.  65.
•)  Angedeutet  von  S  o  m  b  a  r  t,  Die  deutsche  Volkswirtschaft,  S.  463.
            
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