Full text : Die Konsumtion

[Moderne  Wandlungen  der  Konsumtion..

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§  7

angerichtet  haben  1 ).  Eine  umfassende  Bearbeitung  deutscher  amtlicher  Enqueten
über  diese  Erscheinung  ist  unlängst  von  Dr.  Kaup  2 )  veröffentlicht  worden.  Verschont
bleiben  auf  diesem  Raubzuge  der  Geldwirtschaft  die  voluminösesten  Produkte  wie
Kartoffeln 3 ),  die  den  Transport  nicht  lohnen;  das  Vordringen  der  Kartoffelnahrung
bei  geldgelohnten  ländlichen  Arbeitern  hängt  wohl  damit  zusammen.  Das  früher
verbreitete  ungünstige  Urteil  über  die  Kartoffelkost  wird  aber  heute  nicht  mehr
allgemein  vertreten  4 ).

II.  Die  zweite  große  Umwälzung  in  der  Konsumtion  begleitet  den  Uebergang
vom  Land-  zum  Stadtleben,  und  zwar  im  Zusammenhang  mit  einer  Veränderung
in  den  physiologischen  Bedürfnissen.  Wohl  niemand  würde  daran
zweifeln,  daß  die  Wanderung  eines  Volks  in  ein  Land  mit  kälterem  Klima  die  Bedürfnisse ­
  an  Kleidung,  Wohnung  und  in  gewissem  Sinne  auch  Ernährung  steigert.  Dagegen
wird  der  physiologische  Einfluß  der  Wanderung  vom  Lande  in  die  Stadt  auf  die
Bedürfnisse  des  Konsumenten  von  nationalökonomischer  Seite  erst  in  jüngster  Zeit
beachtet 5 ).
1.  Wir  bemerkten  schon  (§  5),  daß  der  Fleischkonsum,  weil  er  reichliche  Bodenfläche ­
  voraussetzt,  bei  zunehmender  Volksdichte  in  Deutschland  seit  dem  16.  Jahrhundert ­
  zurückging  und  zwischen  Stadt  und  Land  sich  differenzierte  zu  ungunsten
des  Landmanns,  obgleich  dieser  näher  an  der  Quelle  sitzt;  daß  er  dagegen  in  den
letzten  Menschenaltern  international  wieder  rapide  stieg,  und  zwar  wiederum  beson-*)

  Ein  von  Kaup  zitierter  Spruch  an  einem  hessischen  Bauernhause  verspottet  diesen
bäuerlichen  Erwerbssinn:
„Wer  seine  gute  Milch  verkauft,
„Und  mit  den  Kindern  schlechte  sauft,
„Wer  Butterlieferante  ist
„Und  selber  Margarine  frißt,
„Wer  teures  Auslandsfutter  giebt
„Und  hinterher  zu  klagen  liebt,
„Daß  er  verschleudern  muß  die  Körner,
„Der  ist  ein  Rindvieh  ohne  Hörner.“
s )  Ernährung  und  Lebenskraft  der  ländlichen  Bevölkerung.  Heft  6  der  Schriften  der
Zentralstelle  für  Volkswohlfahrt,  1910.  Zahlenmäßig  ist  ein  Rückgang  des  ländlichen  Milchkonsums ­
  pro  Kopf,  teilweise  sogar  unter  den  städtischen  Kopfbetrag  herab  trotz  der  auf  dem
Lande  größeren  Kinderzahl,  nur  unsicher  zu  berechnen;  aber  aus  vielen  Zeugnissen  wird  trotz
mannigfacher,  auch  amtlicher  Bestreitung  ein  ausgedehnter,  hygienisch  bedenklicher  Rückgang ­
  der  Ernährung  doch  sehr  wahrscheinlich;  namentlich  scheint  die  Kinderernährung  schwer
zu  leiden.  Beim  Milchverkauf  soll  mitsprechen,  daß  über  die  Einnahme  der  Bauer  verfügt,
während  der  Erlös  aus  selbst  gemachter  Butter  in  die  Haushaltskasse  der  Bäuerin  floß.  Gesteigert ­
  wird  die  Versuchung  zum  Verkauf  der  besten  Nahrungsmittel  in  Gegenden  mit  zahlungskräftigem ­
  Fremdenverkehr  (v.  Schullern,  Jahrbücher  für  Nationalökonomie,
Bd.  42,  S.  468).
3 )  Max  Weber  in  Schmollers  Jahrbuch  1903,  S.  731.
4 )  Schädlich  ist  Kartoffelkost,  wie  jede  Kost  aus  eiweißarmen  Nahrungsmitteln,  bei  mangelnder ­
  Muskelarbeit,  aber  nach  neueren  Untersuchungen  für  das  sog.  Stickstoffgleichgewicht
des  Körpers  immer  noch  günstiger  als  Brotnahrung;  „dies  ist  eine  gerade  für  die  Volksernährung ­
  wichtige  Tatsache“  (R  u  b  n  e  r  ,  Lehrbuch,  S.  576).  Die  Kartoffel  hat  außerdem
den  Vorzug  der  warmen  Kost.  Der  starke  Wassergehalt  der  Kartoffel  ist  nach  Bleibtreu
kein  Nachteil,  weil  soviel  Wasser  dem  Körper  ohnehin  zugeführt  werden  müßte.  Vgl.  auch
Kärger,  Die  Arbeiterpacht,  1893,  S.  18  f„  und  H  i  n  d  h  e  d  e  ,  Eine  Reform  unserer
Ernährung,  1908,  S.  118  f.,  besonders  S.  127.  G  r  o  t  j  a  h  n  ,  der  sonst  die  Kartoffelnahrung
nicht  schätzt,  gibt  doch  zu,  daß  auch  wohlhabende  Konsumenten  Kartoffeln  in  beträchtlichen
Mengen  verzehren,  obwohl  sie  es  nicht  nötig  haben  (S.  14).  Vielleicht  stammt  die  Theorie
vom  Kartoffelbauch  vom  Mißbrauch  der  Kartoffelkost  durch  eine  ländliche  Bevölkerung,
die  beim  Uebergang  zu  hausindustrieller  Arbeit  die  hergebrachte  landwirtschaftliche  Kost
beibehielt.
*)  Vgl.  eine  in  Friedrich  Naumanns  Wochenschrift  „Die  Zeit“  1903  zwischen  Brentano
und  mir  geführte  Polemik  über  die  Lebenshaltung  des  englischen  Arbeiters,  und  mein  Referat ­
  über  die  volkswirtschaftliche  Lage  der  deutschen  Fleischversorgung,  Archiv  des  Deutschen ­
  Landwirtschaftsrats  1907,  S.  388  f.
            
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