Full text: Die Konsumtion

156 I. Buch B III: K. Oldenberg, Wirtschaft, Bedarf u. Konsum. § 7 
Nahrungsmittel, verglichen etwa mit der viel bewunderten Kost des Japaners, die 
durch ihre extreme Fettarmut und die damit verbundene Nötigung zu voluminöser 
Kost vielleicht das Fettwerden verhütet; da der Japaner auch sehr wenig Fleisch 
verzehrt, steht ihm freilich auch weniger animalisches Fett aus der inländischen 
Produktion zur Verfügung; und andererseits ist die moderne Steigerung des Fett 
konsums in Westeuropa gewiß mit eine Folge des zunehmenden Fleischverbrauchs 
und der organischen Verbundenheit von Fleisch- und Fettproduktion. 
Daneben gibt das fast unmerkliche Zurückbleiben des Eiweißkonsums hinter 
Voits Norm sicher zu keinem Bedenken Anlaß. Selbst wenn ein Konsum von 
nur 115 g statistisch sicher wäre, würde er nichts weniger als auffällig klein 
sein; die Voitsche Norm von 118 g soll ja nur für großstädtische und zwar 
Münchener Fleischkonsumsitten gelten, und soll ferner eine Norm für Massen 
verpflegung sein, hinter der der Durchschnittskonsum bei individuell freier und dem 
individuellen Bedarf angepaßter Kostwahl bedeutend Zurückbleiben darf; endlich 
ist sie nur eine Schätzung, und geht jedenfalls über das niedrigste physiologische 
Eiweißminimum um das Mehrfache hinaus. Man darf daher annehmen, daß außer 
dem Eiweißminimum auch das im Sinne Rubners gemessene Eiweißbedürfnis für 
den durchschnittlichen Konsumenten bei dem von Lichtenfeit ermittelten 
Gesamtkonsum in vollem Maße gedeckt ist. Diese Annahme für den Durchschnitt 
schließt eine Unterernährung in einzelnen Fällen oder Gruppen von Fällen, etwa 
in hausindustriellen Bevölkerungsschichten, nicht aus, und vielleicht wird sich 
künftig auf besserer physiologischer und statistischer Grundlage darüber etwas ermit 
teln lassen. 
Auch ein moderner Physiologe wie Cohnheim 1 ) nimmt an, daß das Eiweiß 
bedürfnis im durchschnittlichen deutschen Konsum fast überall gedeckt sei. R u b n e r 
selbst hat sich neuerdings speziell über die Befriedigung des Fleischbedürfnisses 
ausführlich geäußert. Nach Voits Schätzung sollen von den 118 g Eiweiß etwa 35% 
in der Gestalt von Fleisch verzehrt werden. Danach wären 230 g Schlächterfleisch 
= 191 g reines Fleisch für Massenkost und nach Münchener Art erforderlich. Rub 
ners 2 ) Rechnung, die an Eßlen anknüpft 3 ), ergibt einen tatsächlichen Konsum 
des Erwachsenen von 183 g im Durchschnitt des Reichs; für München selbst auf Grund 
von Lichtenfelts Zahlen 289 g, für Berlin 259 g, also viel mehr als nötig. Dabei sind 
freilich die auch nach Rubners Meinung 4 ) für die Kostbedarfsmengen der ein 
zelnen Altersklassen nicht ganz zutreffenden Umrechnungssätze Quetelets zugrunde 
gelegt. Da aber nach seiner Meinung Quetelet für den kindlichen Bedarf relativ zu 
viel angesetzt hat, würden die obigen Konsumziffern des Erwachsenen sich noch 
erhöhen. Andererseits hat Rubner selbst darauf hingewiesen, daß die vom Konsu 
menten gekauften Fleischmengen sich noch um die Abfälle im Haushalt verringern, 
die sehr ins Gewicht fallen 5 ). Aber er kommt doch zu dem Schlüsse ®): „Man kann 
getrost sagen, daß man auch ohne das Fleisch gesund und bei Kraft bleiben kann. 
Wenn man aber behauptet, daß schon geringfügige Verminderungen der Fleischkost 
unter allen Umständen eine Ernährungsunmöglichkeit und den Untergang einer 
Nation heraufbeschwören können, so ist das eitles und unverständiges Gerede.“ 
9 a. a. O- S. 459. 2 ) 1913, S. 106 f. 
3 ) Vgl. § 5. *) S. 47. 
6 ) S. 46: „Man weiß meistens nicht, wieviel in der Küche verloren wird, und nicht alle 
Nahrungsmittel sind absolut gute Ware, daher geht manches schon in den Mülleimer, ehe es 
verzehrt wird. Die Abfälle von Gemüse, Obst, auch Fleisch usw. sind wechselnd und unbe 
stimmt. Am verschiedensten sind die Abfälle bei Tisch und die Verluste durch das Aufbe 
wahren und Verderben der Speisen; erstere können zwischen 3 und 25% ausmachen; ich habe 
einmal auf den enormen Fettreichtum der städtischen Sielwässer hingewiesen, die nicht we 
niger als etwa 20 g pro Kopf und Tag enthalten und zum großen Teil Küchenverluste dar 
stellen.“ Vgl. auch Rubner 1908, S. 72—73. In England und Nordamerika dürfte die 
Vergeudung von Nahrungsmitteln noch größer als in Deutschland sein. 
•) S. 83.
	        
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