Full text : Die Konsumtion

Moderne  Wandlungen  der  Konsumtion.

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Es  sei  nur  die  zum  Vorurteil  erstarrte  soziale  Gewöhnung,  die  sich  gegen  jede  Beschränkung ­
  eines  als  wichtig  angesehenen  Nahrungsmittels  aufbäume I ).
Wir  können  dieser  Formulierung  Rubners  nicht  ohne  Vorbehalt  zustimmen.
So  richtig  es  ist,  daß  mit  einer  noch  dazu  unzuverlässigen  Fleischverbrauchsdurchschnittsziffer ­
  eine  Unterernährung  weder  bewiesen  noch  in  Abrede  gestellt  werden
kann,  bleibt  doch  jeder  Rückgang  des  Fleischverbrauchs  in  einer  städtischen
Bevölkerung  ein  ernstes  Symptom,  das  nach  unserer  früheren  Ausführung  die  beginnende ­
  Unterernährung  einer  städtischen  Bevölkerungsschicht  anzeigen  kann.
21.  Daß  der  Städter  auch  in  bezug  auf  Kleidung  und  Wohnung  bedürftiger
ist  als  der  Freiluftarbeiter,  daß  z.  B.  der  Luftraum  der  Wohnung  für  ihn  viel  mehr  ins
Gewicht  fällt 2 )  und  daß  er  auch  bei  weitgehender  Befriedigung  dieser  Sonderbedürfnisse ­
  doch  auch  in  diesen  Richtungen  körperlich  schlechter  im  Stande  zu  sein  pflegt,
sei  nur  kurz  bemerkt.  Wir  berühren  damit  schon  das  Grenzgebiet  der  Konsumtion
derjenigen  Güter,  die  man  als  nicht  wirtschaftliche  anzusehen  pflegt,  insbesondere
der  Konsumtion  von  Luft.  Der  Städter  konsumiert  schlechtere  Luft,  und  ist  eben
deswegen  bedürftig  in  Beziehung  auf  den  Wohnraum.  Eine  fortschreitende  Verschlechterung ­
  der  Atemluft  tritt  aber  ein  mit  dem  Wachstum  der  Stadt,  speziell
z.  B.  auch  mit  der  Zunahme  des  Rauchs  aus  den  Schornsteinen  der  Häuser  und
Fabriken.  Der  Rauch  verunreinigt  erstens  die  Luft  direkt  und  trägt  zweitens  zur
Nebelbildung  bei,  deren  Zunahme  man  zahlenmäßig  verfolgen  kann;  so  gab  es  nach
R  u  b  n  e  r  3 )  in  London  Nebel  in  den  Monaten  Dezember,  Januar,  Februar:  1870—75
93,  1875—80  119,  1880—85  131,  1885—90  156;  so  daß  „der  düstere,  der  Sonne  feindliche ­
  Nebel  sich  immer  mehr  ausbreitet  und  vielleicht  ein  künftiges  Geschlecht  mit
Verderben  zu  bedrohen  scheint“.  Allein  wir  greifen  damit  über  auf  das  Gebiet  der
allgemeinen  hygienischen  Probleme  des  Stadtlebens,  die  unter  dem  Gesichtspunkte
der  Konsumtion  nicht  erschöpfend  erörtert  werden  können.  Die  zunehmende  Ungesundheit ­
  wachsender  Städte  kann  übrigens  bekanntlich  durch  hygienische  Reformen
wenigstens  zeitweise  überkompensiert  werden.
Wir  haben  in  diesem  Paragraphen  gesehen,  wie  große  Aufgaben  der  heutigen
Produktion  gestellt  sind,  um  neben  den  gestiegenen  sozialen  Ansprüchen  auch  die
veränderten  körperlichen  Bedürfnisse  der  neuen  großstädtischen  Bevölkerungsmasse
zu  befriedigen.  Aber  wir  sahen  auch,  daß  eben  diese  Kraftanstrengung  auf  dem
Gebiete  der  Produktion  neue  Kulturwerte  schafft,  die  zugleich  als  ein  Ersatz  gelten
mögen  für  die  Einbuße  an  ideellen  Werten,  die  der  Konsument  durch  die  wirtschaftliche ­
  Entwicklung  erlitten  hat.

0  R  u  b  n  e  r  1908,  S.  132f.  Rubner  lehnt  auch  Momberts  Rechnung  ab,  daß  mit  einem
täglichen  Aufwande  von  63  Pfg.  keine  ausreichende  Ernährung  möglich  sei  (1913,  S.  45).
2 )  Hervorgehoben  schon  von  Rubner  1898,  S.  25.  Außer  der  geräumigen  Wohnung
hat  der  lufthungrige  Städter  für  sein  Atmungsbedürfnis  aber  auch  den  täglichen  Spaziergang,
den  häufigen  Ausflug  ins  Freie  und  den  kostspieligen  sommerlichen  Landaufenthalt  nötig
(Rubner  S.  40  f.).  Für  den  Großstädter  tritt  noch  der  häufige  Wohnungswechsel  hinzu,
als  verteuernder  und  neben  den  Affektionswerten  des  Lebens  auch  die  Gesundheit  schädigender
Faktor:  „Diese  Wandersucht  belastet  gerade  die  Inhaber  kleiner  Wohnungen  so  sehr,  daß
man  im  Durchschnitt  die  Ausgaben  für  Wohnungsänderung  auf  rund  10%  der  Miete  veranschlagen ­
  kann.  Die  Behaglichkeit  und  Liebe  zum  eigenen  Heim  leidet  darunter.  Die  Wanderung ­
  und  Mischung  der  Bevölkerung  ist  aber  auch  von  sanitärem  Nachteil  wegen  der  Krankheiten, ­
  die  man  häufig  zugleich  mit  dem  neuen  Quartier  acquiriert.  Für  die  Entstehung  der
Diphtherie  bildet  der  Wohnungswechsel  nicht  so  selten  den  unmittelbaren  Anstoß.  Eine
Wohnung  ist  einem  abgelegten  Kleidungsstück  vergleichbar;  es  steckt  mancherlei  Gefährliches ­
  in  einer  solchen  abgelegten  Kleidung,  und  mit  der  Wohnung  und  ihrem  Wechsel  verhält
es  sich  fast  ebenso.“  (Rubner  S.  27.)
3 )  Flygienisches  von  Stadt  und  Land,  1898,  S.  13,  22.
            
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