Full text: Lebenserinnerungen

Schritte verschoben^ zumal ich selbst damals schon an die groste ost 
asiatische cheise zu denken hatte, über darüber waren wir einig, 
dast der innere Lebensstand bei uns Deutschen dem äusteren Wohl 
ergehen keineswegs entsprach''. — Inzwischen kamen neue aussichts 
reiche Qufgaben. Zu Pfingsten iyi/f habe ich zu den modernen 
Theologen Hollands gesprochen und mich mit den Weinigen der herr 
lichen Blumenpracht namentlich Haarlems erfreut. Unmittelbar 
darauf erhielt ich eine austerordentlich warnte Llufforderung nach 
Londyn zu kommen, mich an dortigen Festlichkeiten zu beteiligen 
und auch an verschiedenen Ltellen philosophisch zu sprechen. Ich 
Bon Ser „Sammlung der geister" ist nach ein paar Monaten ein un 
veränderter Neudruck erschienen (Llnfang Februar 1914); ich durfte das als ein 
willkommenes Zeugnis dafür begrüben, dag die dort behandelten Lebens 
fragen viel Teilnahme im deutschen Volke fanden. Über Sen damaligen Stand 
des deutschen Lebens habe ich 2. Z f. folgendes gefügt: 
„Lilles das lägt erwarten, dag eine frische und freudige Lebensstimmung 
unfer ganzes Volk durchdringe und es vertrauensvoll von groger Vergangen 
heit zu noch grösterer Zukunft fortschreiten lasse. Liber unleugbar fehlt eine 
solche Stimmung. Wir finden vielmehr bei Betrachtung des ganzen der Lebens 
lage und der Lebensschätzung viel Zweifel und Unsicherheit, wir finden die 
Neigung weit verbreitet, an den Dingen mehr die Schranken und Fehler als 
das grogc und gute zu sehen, über dem Haften am einzelnen Lindruck das 
ganze ungewllrdigt zu lassen, bei Kritik und vemeinung zu bleiben und uns 
dadurch die rechte iLreude auch an unbestreitbaren Lrfolgen zu stören; dazu 
finden wir uns bei allen prinzipiellen tragen in arger Spaltung, und verlieren 
wir in solcher Spaltung die Sicherheit und lLreudigkeit des eignen Beginnens." 
Den Hauptgrund der Verwicklung fand ich in der Unterdrückung einer 
geisteskultur durch eine bloste Llrbeitskultur. Diefer Verwicklung habe ich 
unmittelbar vor dem Kriege in jener Schrift einen kräftigen Llusdruck ver 
liehen; ich fagte dort S. 82: „Nur der flachste Optimismus kann mit dem 
kümmerlichen Neste auszukommen hoffen, den ein weitverbreiteter Zug der 
Zeit von dem reichen Lrbe Ser weltgeschichtlichen Llrbeik noch festzuhalten ge 
ruht. So ist ein Lntweder-Oder nicht zu verkennen, wir treiben einer Kata 
strophe zu, wenn dem unvermeidlichen geistigen Sinken nicht energisch wider 
standen wird. Schon jetzt empfinden wir schmerzlich den Mangel an schaffen 
den Persönlichkeiten und an starken Lharaklcren, schon jetzt stockt bei uns das 
geistige Schaffen und sinkt die sittliche Lnergie, soll das so weitergehen, sollen 
wir immer mehr einen inneren Halt verlieren und unser Leben mehr und mehr 
der Leere verfallen lassen? — Soll die geistige Lvolution der NIenfchheit das 
Hauptergebnis haben, dast der Mensch darin sich selbst zerstört und sich alles 
Wertes beraubt, indem er sich nur als ein etwas begabteres Tier versteht?" 
Zustimmend erwähnteich auch Nietzsches Worte: „Nur das Volk lebt, das 
feine Lrlebniffe in Lwigkeitswerten ausdrückt". 3m Herbst 1913 haben wir 
die grasten Taten der Freiheitskriege gefeiert. Konnten wir unserem Leben einen 
auch nur einigermasten entsprechenden Lwigkcitswert geben? War die §eier 
nicht geistig und künstlerisch kläglich?
	        
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