Full text : Lebenserinnerungen

sie  lieber  ganz  aufzugeben,  als  stückweise  dieses  oder  fenes  zu  verbessern, ­
  die  Deutschen  dagegen  suchen  möglichst  das  Verlorene
zu  retten".  Der  ganze  Verlauf  des  Krieges  brachte  uns  in  eine
schwere  seelische  Lage:  einerseits  die  Sorgen  und  Qufregungen,
andererseits  die  Hoffnungen  und  Lrwartungen;  es  war  ein  vielfacher ­
  Wechsel  von  glück  und  Unglück,  der  die  Seelen  zermürben
mustte.  Zugleich  die  unablässig  wachsende  Schädigung  durch  die
Blockade  mit  ihrer  Lnkziehung  der  notwendigen  Lebensmittel;  was
immer  wir  den  gegnern  antaten,  das  steht  weit  zurück  hinter
der  Wirkung  fener  Üushungerung;  die  grausamen  waren  nicht
wir,  sondern  die  gegner.  Dazu  kamen  die  fortwährenden
Opfer  an  Menschenleben  und  an  menschlichem  glück,  auch  die
Schmälerung  des  wirtschaftlichen  Wohlstandes.  Besonders  bedauerlich ­
  war  die  Schädigung  und  Herabdrückung  des  Mittelstandes. ­
  Im  Mittelstand  hat  sich  von  feher  die  Qusgleichung
der  verschiedenen  Bevölkerungsschichten  vollzogen,  im  besonderen
war  die  Blüte  eines  aufstrebenden  Mittelstandes  ein  groster  Vorzug ­
  des  deutschen  Lebens,  goethe  meinte,  es  gäbe  „kein  anmutigeres ­
  Bild,  als  den  deutschen  Mittelstand".  Wie  aber  steht  es
damit  fetzt?!
Qllen  solchen  Hemmungen  und  Verlusten  hat  das  deutsche  Volk
lange  Zeit  hindurch  eine  graste  Tüchtigkeit,  Tapferkeit  und  Ausdauer ­
  entgegengesetzt,  es  hat  alle  Opfer  und  Entbehrungen  willig
ertragen.  Linen  gewissen  Umschlag  der  Stimmung  empfand
ich  selbst  zuerst  im  Oktober  1916.  Wie  öfters  wurde  ich  auch
damals  von  der  Berliner  Urania  zu  einem  öffentlichen  Vortrag
über  die  nationalen  Tragen  eingeladen.  Bis  dahin  waren  meine
dortigen  Vorlesungen  übervoll,  Manche  konnten  keinen  Platz  erhalten. ­
  In  fenem  Oktober  aber  war  das  Haus  nur  halbvoll;
das  war  ein  deutliches  Zeichen,  dast  die  nationale  Begeisterung
im  Hinken  war.
Unabhängig  von  den  Stimmungen  habe  ich  selbst  den  ganzen
Krieg  hindurch  viele  Vorträge  gehalten;  nach  und  nach  mustten
diese  ihrenTon  etwas  verändern,  man  konnte  nicht  mehr  eine  freudige
Seelenlage  voraussetzen,  sondern  man  hatte  frischen  Mut  einzuflösten,
  die  wankende  Stimmung  zu  befestigen,  die  Unmöglichkeit
einer  Verständigung  mit  den  hasterfüllten  gegnern  samt  ihren
schweren  Talgen  eindringlich  vorzuhalten.  —
Zugleich  habe  ich  auch  literarisch  alle  Kraft  und  Mühe  daran
gesetzt,  unser  Volk  in  der  Kriegszeit  zu  fördern.  So  erschien  gleich
nach  Kriegsausbruch  die  Übhandlung  „Die  weltgeschichtliche  Bedeutung ­
  des  deutschen  geistes",  ferner  zu  Weihnachten  1915  die
Schrift  „Die  Träger  des  deutschen  Idealismus",  die  einen  grasten
Lrfolg  hatte  und  durch  einen  geschickten  Vertrieb  rasch  in  die
            
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