Full text : Lebenserinnerungen

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Seelenlagen  musite  die  Kraft  und  den  Mut  des  Volkes  lähmen;
das  war  für  Deutschland  der  zweite  Unglückskag,  der  zweite  ckiss
ater,  nach  den  Unglückstagen  an  der  Marne.  Trotzdem  flackerte
Iyi8  noch  einmal  die  Hoffnung  auf  einen  glücklichen  Llusgang  auf.
Liuch  die  intellektuellen  Kräfte  wurden  nun  zu  höchster  Llnspannung
aufgeboten;  ich  selbst  wurde  in  fenen  Monaten  mit  einer  grasten
Tülle  von  Lmladungen  aus  dem  Osten  und  Westen  bedacht.  Ich
mustte  mich  zwischen  diesen  Llufforderungen  entscheiden  und  habe
mich  für  Brüssel  entschlossen,  wohin  ich  mit  einer  grösteren  Zahl
deutscher  Professoren  berufen  war.  Ich  habe  dort  in  dem  glänzenden ­
  Saal  des  belgischen  Senats  fast  Tag  für  Tag  gesprochen,
auf  besonderen  Wunsch  der  Militärbehörde  auch  einmal  zur  gesamten ­
  garnison  Brüssels.  Von  diesen  Soldaten  erhielt  ich  vortreffliche ­
  Lindrücke;  die  Unteroffiziere  haben  mich  liebenswürdig
aufgenommen,  mir  alle  Linrichtungen  gezeigt,  sie  wollten  mich  in
feder  Weise  erfreuen.  Merkwürdig  war  es  aber,  dast  in  den  Offizierskreisen
  keine  Llhnung  von  einer  inneren  gefahr  vorhanden
schien.  Wiederholt  habe  ich  mit  Offizieren  über  die  Llussichten  und
über  den  seelischen  Stand  unseres  Volkes  gesprochen,  aber  ich  erhielt
von  fenen  nur  beruhigende  Lindrücke:  die  Soldaten  seien  vortrefflich, ­
  die  Waffen  seien  den  anderen  überlegen,  neue  Llbwehrmittel
seien  in  Vorbereitung;  wohl  betrachtete  man  die  Sache  als  ernst,
aber  man  war  guten  Mutes.  Die  Brüsseler  Lindrücke  waren  für
uns  durchaus  angenehm,  wir  Professoren  bildeten  einen  Treundeskreis,
  den  die  gemeinsame  Llufgabe  eng  verband.  Wohltuend  berührte ­
  auch  das  freundschaftliche  Zusammengehen  der  katholischen
und  der  protestantischen  gelehrten.  Die  gemeinsame  Llufgabe  des
Vaterlandes  hielt  alle  eng  zusammen.
Voll  solcher  Lindrücke  kehrte  ich  im  Llpril  iyi8  nach  Jena  zurück.
Liber  nun  empfing  mich  hier  eine  recht  trübe  Nachricht,  die  Nachricht ­
  von  einer  ernstlichen  Verwundung  unseres  lieben  künftigen
Schwiegersohnes  Walt  Jäger.  Wir  hatten  diese  Nachricht  zunächst
nicht  für  so  schlimm  gehalten,  ja  sogar  gehofft,  er  würde  zur  vollen
Heilung  nach  Jena  kommen.  Nun  aber  verschlimmerte  sich  sein
Zustand,  es  war  eine  Knieverletzung,  die  von  den  Ürzten  immer
für  recht  ernst  angesehen  wird.  Nach  einer  LInzahl  von  Tagen
ist  er  zur  ewigen  Nuhe  entschlafen.  Lr  war  das  einzige  Kind  und
der  Stolz  seiner  Litern,  die  alle  Türsorge  und  alle  Mittel  daran
gesetzt  hatten,  ihm  eine  volle  künstlerische  Llusbildung  zu  geben;
bei  aller  Tüchtigkeit  seiner  LIllgemeinbildung,  die  er  bis  zur  Universität ­
  fortsetzte,  war  nämlich  seine  Neigung  und  sein  Streben  ganz
und  gar  der  Musik  zugewandt.  Lr  hat  volle  drei  Jahre  in  Brüssel
studiert  und  dort  einen  grosten  preis  als  Pianist  erhalten.  Lluch
als  Komponist  hatte  er  sich  schon  in  hervorragender  Weise  betätigt.
            
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