Full text: Lebenserinnerungen

der Arbeit, nicht der Vollendung, angehören, andererseits aber 
müssen wir an einer überwindenden geistigkeit als an einer Stufe des 
selbständigen Schaffens teilhaben. Line solche Wendung ist tatsächlich 
erfolgt; ste erweist sich uns sowohl in der Bildung eines eignen welt 
überlegenen und weltumfassenden persönlichen Lebens, als auch 
in der Lröffnung einer selbständigen geisteswelt, za eines Reiches 
gottes, das allepolitischeund soziale gesellschaft als eine bloßmensch- 
liche gemeinschaft unvergleichlich überschreitet und ein inneres ge 
lingen des gemeinsamen Lebens erst möglich macht. 
von hier aus ergibt sich ein eigentümliches Weltbild, das 
unsere geschickt scharf beleuchtet. Unsere Wirklichkeit verläuft nicht 
auf einer einzigen Fläche, sondern ste enthält drei verschiedene Stufen 
geistigen Lebens; dieses Leben selbst hebt sich deutlich ab von dem 
bloßen Dasein, das die sinnliche Erfahrung an uns bringt, es 
erweist sich als eine Tatwelt, als ein Keich des Aktivismus. Aber 
dieses Keich selbst enthält eine innere Bewegung und einen durch 
gehenden Aufstieg: zunächst gilt es eine grundlegende geistigkeit zu 
erringen, sie bildet ein eignes Leben gegenüber der Beziehungs 
welt der Natur, sie ist auch die Voraussetzung aller Lrziehung 
und Bildung; sodann erscheint gegenüber den ungeheuren Verwick 
lungen unseres Weltstandes um uns und in uns eine kämpfende 
geistigkeit, sie ist der Hauptplatz der menschlichen Tätigkeit, die Stätte 
unserer Arbeit; aber alle Arbeit kann uns auch beim gelingen 
nicht genügen, dem Worte „Arbeiten und nicht verzweifeln" ist die 
Lrwägung entgegenzusetzen, daß die bloße Arbeit ohne ein überle 
genes Ziel den denkenden Vlenfchen unvermeidlich zur Verzweiflung 
treibt; erst eine überwindende geistigkeit eröffnet die Aussicht und 
verspricht die Kraft zur Vollendung, erst sie gewährt dem Menschen 
leben den unentbehrlichen Halt und ein festes Ziel. Die aus dem 
Zusammenwirken dieser Stufen und ihrer Auseinandersetzung 
entstehende Bewegung durchdringt die Weltgeschichte, an ihr muß 
auch der Linzelne teilnehmen, dem das Leben sich voll entfaltet und 
dem sich die Tülle feiner Erfahrung erschließt. Der Stand der 
Welt, der uns umfängt, mit feiner Unfertigkeit und mit feinen 
Widersprüchen, mit seinem Angewiesensein auf eine der Ver 
wicklung überlegene Ordnung kann nicht das ganze der Wirklichkeit 
fein und nicht in sich selbst den Abschluß tragen; er muß ein Aus 
schnitt einer weiteren Wirklichkeit, eine besondere Art des Lebens sein, 
die ursprünglicherer gründe und Zusammenhänge bedarf, um 
überhaupt zu bestehen und einen Sinn zu ergeben. So sehr wir aber 
auf das Wirken einer selbständigen geistigkeit angewiesen sind, ihre 
nähere gestaltung fällt unter die Tormen und grenzen der Arbeits 
welt; daher müssen unserem Leben für die höchsten Ziele Bilder und 
Umrisse genügen. Tür die gesinnung aber bedarf es eines
	        
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