Full text : Lebenserinnerungen

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pflegten  die  ostfriesischen  Kreise  überwiegend  gemüßigt  liberale
Übgeordnete  zu  wühlen,  Wun  aber  kam  seit  dem  Jahre  1858  die
Bewegung  in  preusten,  welche  eine  Belebung  der  schlummernden
Kräfte  und  eine  Linigung  Deutschlands  versprach,  gröstte  Hoffnungen ­
  für  eine  freiere  Entwicklung  und  für  die  nationale  Linigung
wurden  auf  den  damaligen  Prinzregenten,  den  spateren  König
Wilhelm,  gesetzt;  auch  die  Jugend  geriet  in  Bewegung.  Später
fehlte  es  nicht  an  Lnttäufchungen;  wir  wissen,  dast  sich  dann  die
öache  zu  einem  schroffen  Konflikt  zuspitzte.  Ls  war  namentlich  die
Heeresvorlage,  welche  die  Geister  aufregte  und  erbitterte.  Der  gute,
za  notwendige  Sinn  der  Heeresvorlage  entging  der  öffentlichen
.Meinung,  dazu  fehlte  es  an  Versuchen  einer  Üufklärung  und
Verständigung;  so  witterte  sie  in  zener  Vorlage  nur  Weaktion  und
Junkertum.  Wir  ereiferten  uns  leidenschaftlich  darüber  und  fühlten
uns  radikal  gestimmt.  Über  so  unreif  das  Leben  damals  in  polisifcher
  Hinsicht  war,  so  wohltuend  war  die  Wärme  der  moralischen
gesinnung,  namentlich  die  Überzeugung,  dast  die  gebildete  Jugend
dazu  berufen  sei,  ein  einiges  und  freies  Deutschland  hervorzubringen.
Damals  schlummerte  noch  die  soziale  gefahr  mit  ihren  ungeheuren
Problemen.  Üuch  das  lluftreten  Lassalles  wurde  meist  mit  der  bebequemen
  Wendung  zurückgeschoben,  man  dürfe  keine  Staatshilfe
erbitten,  sondern  allein  der  Selbsthilfe  vertrauen.  So  schien  der
Kern  der  ganzen  Wation  in  dem  gebildeten  Bürgerstande  zu  liegen.
Die  Studierenden  aber  schienen  besonders  berufen,  in  dieser  Wichtung
zu  wirken.  Der  einzelne  empfing  daraus  das  Bewusttfein,  dast  sein
eigenes  Bestreben  etwas  bedeute,  za  unentbehrlich  sei.  Ls  war  nach
meiner  Überzeugung  später  ein  groster  Mangel,  dast  die  akademische ­
  Jugend  viel  zu  wenig  eigene  Ideale  für  das  ganze  Leben
besäst,  und  dast  sie  nur  die  vorhandene  Ordnung  anerkennen  sollte.

Schluß  der  gymnasialzeit.
^Heine  Zpmnasialzeit  nahte  sich  nunmehr  ihrem  Lnde.  Meine
fj  I  ^.Mutter-und  ich  selbst  durften  freier  an  die  Zukunft  denken,  wir
fühlten  uns  gehoben  im  Qusmalen  schöner  Pläne.  Vas  letzte  Schulzahr ­
  brachte  mir  verschiedene  anziehende  llufgaben.  Ich  habe  verschiedene ­
  Kadetten  in  der  Mathematik  ausgebildet,  dann  erhielt  ich
durch  Weuter  und  mit  Zustimmung  des  gpmnasialdirektors  einen
eigentümlichen  Üuftrag:  ich  sollte  einen  zungen  Kaufmann,  der  zum
akademischen  Studium  übergehen  wollte,  zum  Qbgangsexamen
vorbereiten.  Ün  erster  Stelle  galt  es,  den  deutschen  Üufsatz  auf
die  Höhe  zu  bringen,  dann  aber  auch  klassische  Studien  mit  ihn.
            
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