Full text: Lebenserinnerungen

Waldungen und die stillen Leen. Lübeck aber bot ein prächtiges 
Bild der großen Vergangenheit fener Hansastadt; auch die dortigen 
Kunstwerke waren uns eine Freude und Lrquickung. Dann ging 
es nach Kiel, das damals eine kleine und behagliche Stadt war. 
gegen Schluß unseres schleswigschen Aufenthaltes haben wir auch 
Tlensburg mit feiner Umgebung befucht. Daß dort eine fchwere 
Trage entstehen konnte und daß um den alten Besitz mühfam zu 
kämpfen war, das lag damals ganz fern. 
Der Beginn des Jahres l86y brachte mir die erfehnte verfetzung 
nach Berlin. Üußerlich war diefe Versetzung kein gewinn, aber ich 
durfte nun sicher erwarten, allmählich aufklimmen zu können und 
meine wissenschaftlichen Llrbeiten weiterzuführen. Lim Schluffe 
meines Husumer llufenthaltes hat gidionfen im Schulprogramm 
meine pädagogische Tätigkeit in höchst ehrenden Vusdrücken an 
erkannt. 
Zweiter Aufenthalt in Berlin. 
*4 ^er Llufenthalt in Berlin gestaltete sich naturgemäß weit ruhiger 
>■%/als der frühere. Ich mußte mich nunmehr an das alltägliche 
Leben gewöhnen und mich mit den dortigen Verhältnissen befreun 
den. Trendelenburg nahm mich in gewöhnlicher güte auf, wir ver 
kehrten viel miteinander. Lluch entwickelte sich ein angenehmes per 
sönliches Verhältnis zu Bonitz, den ich unmittelbar vor meinem 
Vbfchied von Berlin nach Husum kennengelernt hatte. £r hat mir 
sofort die Korrektur des großen Index Aristotelicus übertragen, 
und ich habe von dem geistvollen, lebenserfahrenen und liebens 
würdigen gelehrten vieles empfangen. £r war aus einer führen 
den Stellung an der Spitze des österreichischen gelehrten-Schul- 
Wesens nach Berlin übergesiedelt, um das Direktorat des „grauen 
Klosters" zu übernehmen; er trat damit aus fener Stellung in 
eine einfachere ein. Über die gründe solcher Wendung hat er sich 
mir gegenüber wiederholt ausgesprochen. Lntscheidend war für 
ihn der ständige Streit der verschiedenen Nationen über die ge- 
staltung des höheren Schulwesens. Oie Hauptfrage war immer, 
wie viel Tschechisch, polnisch, Slowenisch oder Italienisch an den 
Schulen zu treiben sei; die Qufgabe der geistigen Bildung trat dabei 
weit zurück. £s war begreiflich, daß der ausgezeichnete Torscher 
und Schulmann auf die Dauer diesen unfruchtbaren Streit 
nicht ertragen mochte. Natürlich ergab auch das Verhältnis zur 
katholischen Kirche für ihn, den norddeutschen Protestanten, manche 
Verwicklung, aber er besaß einen großen Takt, und seine eminente
	        
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