Full text: Begriff. Psychologische und sittliche Grundlage. Literatur und Methode. Land, Leute und Technik. Die gesellschaftliche Verfassung der Volkswirtschaft (1.1901)

228 Erstes Buch. Land, Leute und Technik. 
des volkswirtschaftlichen Lebens sind. Es kommt für unser heutiges Urteil hinzu, daß 
der Stufengang der technischen Entwickzlung heute weder schon ganz klar wissenschaftlich 
vor uns steht, noch daß bei der —— Kompliziertheit der technischen Vorgänge, bei 
der Selbständigkeit der Entwickelung einzelner Teile der Technik ihre fortschreitende 
Gesamterscheinung ganz übereinstimmende Züge zeigt. 
Wir haben einleitend die bisherigen Versuche einer Einteilung des historischen 
Entwickelungsganges der Technik erwähnt, sie dann im einzelnen teilweise kritisiert, teil— 
weise werden wir darauf zurückkommen. Wir wollen hier nicht versuchen, aus unserem 
Material nun ein neues historisch-technisches Schema der Entwickelung aufzustellen; wir 
glauben mit unserer historischen Erzählung und den von uns gebrauchten Bezeichnungen 
der einzelnen Epochen dem wissenschaftlichen Bedürfnisse, soweit es heute erfüllbar ist, 
Genüge gethan zu haben. Ohne konstruierende Gewaltthätigkeit ist heute nicht mehr 
zu geben. 
Nur darüber möchten wir noch ein Wort sagen, daß natürlich die einzelnen 
Elemente der Technik einer Zeit zwar in Wechselwirkung stehen, daß aber diese je nach 
Verkehr und Intelligenz, Volkscharakter und Klafssenordnung eine sehr verschiedene ist. 
Die Technik der Ernährung, des Hausbaues, der Waffen ist überall von Klima und 
Boden mit abhängig. Viele Völker machen einzelne technische Fortschritte, ohne die 
entsprechenden, anderwärts hiermit zusammenhängenden zu vollziehen. Richt alle Völker 
nit Töpferei, mit Pfeil und Bogen, mit bestimmtem Hack-, Acker- oder Hausbau haben 
im übrigen die gleiche Technik. Die verschiedenen Stufen des Ackerbau-, Hirten- und 
Gewerbelebens haben häufig, aber keineswegs immer, die Kriegstechnik in gleicher Weise 
beeinflußt. Die Technik des Geldverkehrs hat häufig bestimmte Folgen durch die ganze 
Volkswirtschaft hindurch gehabt. Aber alle diese Zusammenhänge sind sehr kompliziert, 
in ihrer Wirksamkeit so vielfach beschränkt, daß die Aufstellung schematischer Reihen 
sehr schwierig ist. Aus einigen bekannten technischen Elementen einer Zeit und eines 
Volkes die übrigen unbekannten abzuleiten, ist immer nur in beschränktem Maße möglich. 
Noch viel weniger freilich ist die Ableitung der geistig moralischen Eigenschaften der 
Menschen und der gesamten Institutionen eines Volkes aus seiner Technik allein angängig. 
Und nun noch ein letztes Wort über die auch von uns, im Anschluß an den 
gewöhnlichen wissenschaftlichen Sprachgebrauch benutzten Begriffe der Halb- und Ganz— 
kulturvölker, welche in Gegensatz zu den vrimitiven, den Naturvölkern, wilden und 
Barbarenvölkern gestellt werden. 
Mit dem sehr allgemeinen Worte „Kultur“ hat der Sprachgenius sich einen Begriff 
gebildet, der ganz absichtlich halb technisch und wirtschaftlich, halb moralisch und politisch 
ist. Mit dem Worte „Kulturvolk“ wollen wir einerseits eine Stufe der Technik und 
der durch sie bedingten Wirtschaft, andererseits eine gewisse Höhe des geistig-moralischen 
Lebens und der politischen Institutionen bezeichnen. Nur seßhaften Völkern von einer 
gewissen Größe, mit Ackerbau, Städten und Gewerben, mit einer ausgebildeten Haus— 
wirtschaft und einer bereits selbständig gewordenen Gemeinde- oder Staatswirtschaft, 
geben wir das auszeichnende Prädikat der Kultur; aber auch nur, wenn ihnen die 
geistigen Voraussetzungen dieser technischen Erfolge, die Anfänge der Schrift, der Zahlen, 
des Maß- und Gewichtswesens in Fleisch und Blut übergegangen sind, und wenn sie 
zugleich durch höhere Religionssysteme, durch Sitte und Recht, durch eine ausgebildete 
Regierung zu einem geordneten komplizierten Gesellschaftszustand gekommen sind. Wir 
teilen sie in Halb- und Ganzkulturvölker ein und verftehen unter den ersteren die 
kleineren, älteren Völker dieser Art, deren geistig-moralisches Leben noch tiefer steht, die 
noch despotischen Gewalten unterworfen sind, keine feste Sphäre persönlicher Freiheit 
kennen. Die Griechen mit ihren Werkzeugen, wie die heutigen Europäer mil ihren 
Maschinen rechnen wir zu den Kulturvölkern und im Gegensatz hierzu die Völker 
des asiatischen Altertums, die heutigen Japaner, die Peruaner und Mexikaner des 
16. Jahrhunderts zu den Halbkulturvolkern.
	        
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