Full text: Urzeit und Mittelalter (Abt. 1)

300 Sʒwõölftes Buch. Drittes Kapitel. 
Vollblüte der Satire ward indes erst in dem konventionellen 
Charakter der bürgerlichen Gesellschaft gelegt. Jetzt erst ge— 
wöhnte man sich daran, gesellschaftliche Typen in ihrer charakte⸗ 
ristischen Ausgestaltung geistig festzulegen und ihre auffallendsten 
Besonderheiten bald launig⸗ humoristisch, bald beißend⸗boshaft 
hervorzuheben; jetzt erst trat der ständige Spott zwischen Bauer 
und Bürger, zwischen Schneider und Schuster wie den einzelnen 
Handwerken überhaupt, sowie zwischen den einzelnen Städten 
hervor. Da wurde in konventioneller Karikatur festgehalten, 
was das Leben Auffallendes bot, und ein bürgerlich realistischer 
Sinn verarbeitete es zu erbarmungslosen Invektiven. In 
Flandern entstanden die Werke Jan Boendales; in seinem 
Lekenspeghel nimmt er ein beliebtes Predigtthema auf, die 
Behandlung der einzelnen Stände; noch bissiger ist Jans 
Teesteye, und auch die Brabantschen Neesten lassen die satirische 
Grundstimmung durchblicken. Im engeren Deutschland kamen 
die tausend komischen Erzählungen über die Klugheit der 
Bürger einzelner Städte auf, die später in den Stüglein von 
den Schildbürgern ausklangen, und die Rache der ländlichen 
Bevölkerung gegenüber dem ätzenden Witz der Städter ver— 
körperte sich in den Erzählungen vom Eulenspiegel. Darüber 
hinaus ward die Satire in den höheren Schichten gepflegt seit 
spätestens der Mitte des 15. Jahrhunderts; sie drang völlig 
ein in die Predigten eines Geiler von Kaisersberg, und sie 
fand ihre klassische Zusammenfassung im Narrenschiff Sebastian 
Brants wie in den Schriften Murners. 
Ihre grobere Fortbildung aber fiel hinüber in die Anfänge 
dramatischer Formgebung. 
Die Anfänge dieser Formgebung — nicht der dramatischen 
Auffassung im modernen Sinne, die erst ein Erzeugnis der in— 
dividualistischen Kultur der Neuzeit ist — führen auf kirchliches 
Gebiet. Hier entfaltete sich aus den Fragen des Festevangeliums 
in der Liturgie des Ostermorgens leicht eine äußerlich drama— 
tische Scene. Quem queritis in sepulchro, o christicolaeꝰ 
— Jesum Nazarenum crucifixum, o celicolao! — Non est 
hie; surrexit, ut predicaret; ite, nuntiate, quia surrexit. —
	        
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