Bildende Kunst.
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Ranke und Hegel die ihnen weniger wichtig erscheinenden Seiten
des geschichtlichen Lebens bezeichnet haben. Jeder Kleinste unter
uns webt mit am Webstuhl nicht bloß der Zeit, sondern auch der
Ewigkeit; keiner kann entbehrt werden, und die innere Gleichheit,
die vor dem Gott des Christen gilt, gilt auch vor dem Richtstuhl
der Geschichte. Hinweg mit der heidnischen, gegenchristlichen, ja
unmenschlichen Ansicht, daß nur die große Persönlichkeit die Ge—
schichte mache: ein Schlag ins Angesicht ist sie des gemein—
menschlichen Wesens.
Aber wir wuchern mit verschiedenen Pfunden. Der ewige
Kern des Wirkens des einen ist im Verhältnis zur Masse
des Geschaffenen gering; bei anderen bildet er den breiten,
seinem Geschlecht, seiner Nation, ja der Menschheit leuchtenden
Silberblick des Lebens. So verleibt auch der technische Meister
des Impressionismus, ganz abgesehen davon, daß er mit
nerviger Kraft eine höhere Kulturstufe seiner Kunst erklimmen
hilft, seiner Schöpfung einen Teil seines Wesens ein: die
vérité vraie, von der Courbet träumte, eine individualitätslose
photographische Abstraktheit der Kunst, giebt es nicht, und Zola
hat recht mit seinem Ausspruch von dem coin de la nature
vu à travers un tempérament. Von einzigartigerem Werte sind
aber doch die Kunstwerke, in denen sich das Temperament zur
Persönlichkeit erweitert und wir den Weg von dem natura—
listischen Pol der Lebenswiedergabe hin zu dem idealistischen
beschritten und vollendet sehen. Natürlich nicht, ohne daß vor—
her der Weg einer naturalistischen Kunst in jeder möglichen
Form der Hingabe und Bewältigung passiert sei. Kein großer
Idealist, der nicht ein großer Naturalist war, ist und jederzeit
sein kann. Kein Pencz oder Beham, sondern ein Dürer, keine
Nachahmung oder gar Nachahmung der Nachahmer des Ur—
sprünglichen, sondern Ursprünglichkeit, — das sei die höchste
Losung des Künstlers; und ist dies Ziel nicht zu erreichen, dann
nicht in einem haltlosen Scheinidealismus zerflattern, sondern
wenigstens Meister sein einer thunlichst unverbrüchlichen Wirk—
lichkeitswiedergabe, Meister einer im weitesten Sinne des Wortes
vollendeten Technik.