Metadata: Urzeit und Mittelalter (Abt. 1)

Nationales Geistesleben im 9. und 10. Jahrhundert. 213 
in Zähren auszubrechen, die ihm nicht geringer wie einem 
siebenjährigen Knaben unter der Zuchtrute des Lehrers zu 
fließen schienen. 
Es war eine Geistesrichtung, die aus der sinnlich-sichtbaren 
Welt hinausführte in eine übersinnliche, ungekannte, geistige: 
und ihrer ward nur teilhaftig, wer der Gnade des Höchsten in 
asketischem Leben gewürdigt war. Damit ist alles Gewicht auf 
die Berufung von oben her gelegt; nur als Gnadengabe Gottes 
erscheint die Geistesarbeit und der hohe Gedankenzug bedeutender 
Männer. Der Boden der Welt schwindet unter den Füßen; 
erst mit dem Tode öffnet sich das Thor des Lebens: nicht um— 
sonst entwickelt sich in den Kreisen der Reform eine unendlich 
fruchtbare Dichtung des Sterbens. 
Diese Todespoesie spricht der Reform als geschichtlicher 
Erscheinung an sich das Urteil. Die Reform war nicht von 
dieser Welt; ihr Leben war hohl, ihr Geistesleben unpersönlich. 
Doch hat sie auf die Entwickelung der deutschen Kirche noch 
die stärkste Wirkung geübt. 
Im Beginn des 10. Jahrhunderts war sogar das äußere 
Leben der deutschen Kirche verfallen. Konzilien wurden nicht 
mehr abgehalten, Provinzialsynoden waren selten. Die Achtung 
der Laienwelt vor dem Klerus war fast völlig dahin; ungestraft 
wurden Priester und Bischöfe beraubt, verstümmelt, ermordet. 
Dem trat die religiöse Reform entgegen. Ausgehend von 
den Tiefen des Volkslebens, aber organisiert doch zum erstenmal 
in den Klöstern, schuf und erlebte sie zunächst ihre äußere 
Selbstbefreiung, indem sie die wirtschaftliche Lage der von ihr 
ergriffenen Institute wesentlich besserte und ihre verfassungs— 
mäßige Emanzipation vom Einfluß der Bischöfe durch die 
deutschen Könige, durch Konrad J. schon und Heinrich L. ge⸗ 
fördert sah. Kaum dem übermächtigen Einflusse der Hierarchie 
entzogen, ergriff sie aber die Kirchenfürsten selbst mit dem inneren 
Wehen ihres Geistes; die Bischöfe von Metz und Köln vor— 
nehmlich waren ihre begeisterten Anhänger, und nicht lange 
dauerte es, bis Mönche der Reform selost bischöfliche Stühle 
bestiegen. Und nun drang, von oben herab, das neue Leben
	        
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