Nationales Geistesleben im 9. und 10. Jahrhundert. 211
nächst völlig fehl; die kleinen Klöster scheinen anfangs gehorcht
zu haben, aber an Fulda und wohl auch an Korvey brachen
sich alle Bestrebungen des Mainzer Oberhirten.
In Schwaben knüpfte sich ein Aufschwung des kirchlichen
Lebens an die prächtige Persönlichkeit des hl. Ulrich, der von
24 973 Bischof von Augsburg war. Schon in den Mannes—
jahren von tapferer Frömmigkeit — während die Männer vor
Augsburgs Thoren die Ungarnschlacht schlugen, führte er die
Frauen der Stadt zum Kampf im Gebet —, neigte er als
Greis immer mehr der asketischen Bewegung zu; in seinen
letzten Jahren hat er die Einsamkeit der Klosterzelle ersehnt.
Es war eine Richtung, die der Klosterreform in Schwaben zu
gute kommen mußte, auch da, wo nicht, wie z. B. in Einsiedeln
uͤber der Hütte des hl. Meinrad, die Reform von fremder Hand
ins Land getragen ward.
Abgeneigt war man der Reform anfangs in Bayern und
Sachsen. Und während Bayern schließlich zögernd den Im—
pulsen von Westen her folgte, beharrten in Sachsen führeude
Geister noch bis späthin im Versagen: wie Widukind sich schon
abschätzig über die Mainzer Bestrebungen Friedrichs J. geäußert
hatte, so hat Thietmar von Merseburg wiederholt seine Miß—
billigung des geistigen Lebens in den reformierten Klöstern
bezeugt.
Nicht völlig mit Unrecht. Denn die volkstümlichen Formen
der Askese, an sich grobsinnlich, massiv, darum schwer lastend
auf Gemüt und Körper, waren in den Klöstern vielfach zu
verfeinerter Peinigung und ungesund erregtem Seelenleben ge—
steigert worden.
Vor der Reform hatte unter den Mönchen vielfach ein
glückliches Gemeinschaftsleben von harmloser Fröhlichkeit ge—
herrscht. Die Regel wurde so genau nicht genommen. In
St. Gallen, dessen Zustand wir aus den fesselnden Schilderungen
seiner Klosterchronik am besten kennen, fand man z. B. — in
diesem Punkte übrigens in Übereinstimmung mit den An—
schauungen des hl. Benedikt —, daß man an Fasttagen neben
Fischen ebensogut Vögel genießen könne, denn in mancher Be—