Full text: Geschichte der volkswirtschaftlichen Lehrmeinungen

Kapitel I. Sismondi und die Ursprünge der kritischen Schule. 
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Verkaufspreise. Es kommt ihm nicht darauf an, den Nettoertrag zu 
erhöhen und den Bruttoertrag zu opfern. Nehmen wir z. B. ein Gut 
an, das bei guter Bewirtschaftung dem Pächter 1000 Taler Brutto 
ertrag und dem Besitzer 100 Taler Pacht bringen würde; der Be 
sitzer rechnet sich aus, daß er 110 Taler einnehmen wird, wenn er 
es brach liegen läßt und es als Weideland verpachtet. „Er wird 
seinen Gärtner oder seinen Winzer fortschicken und so 10 Taler 
gewinnen; das Volk aber verliert dabei 890 Taler. Es läßt ohne 
Verwendung und infolgedessen ohne Gewinn all die Kapitalien, die 
diese so reichliche Produktion schufen: es läßt ohne Arbeit und folg 
lich ohne Einkommen all die Tagelöhner, deren Arbeit dieses Er 
zeugnis darstellte 1 ).“ Und unter der Feder des Schriftstellers mehren 
und mehren sich die Beispiele: da ist die Herzogin von Strafford 
und andere große schottische Grundbesitzer, die, um die alten Felder 
in große Weideländer umzuwandeln, die Pächter von ihren Wohn 
stätten verjagen, sie in die Städte treiben und sie zusammenhudeln, 
um sie nach Amerika abzuschieben. In Italien ist es die Handvoll 
jener Spekulanten, die mercanti di tenute genannt wurden, die 
aus den gleichen Gründen die Wiederbevölkerung und die Bewirt 
schaftung der römischen Campagna verhindern, „dieses so außer 
ordentlich fruchtbaren Landes, wo früher 5 „arpents“ 2 ) eine Familie 
ernährten und einen Soldaten großzogen!“ — und aus der heute nach 
and nach „die einzelnen Häuser, die Dörfer, die ganze Bevölkerung, 
die Einfriedigungen, die Weingärten, die Olivenbäume, und alle Er 
zeugnisse, die eine beständige Aufmerksamkeit, die Arbeit und be 
sonders die Liebe des Menschen verlangen“, verschwunden sind, um 
Viehherden und einigen Hirten Platz zu machen 3 ). Diese Kritik ist 
an und für sich richtig, aber sie klagt die Mißbräuche des Privat 
eigentums an und nicht das Prinzip des Nettoproduktes, — denn der 
bäuerliche Besitzer würde dieses Prinzip nicht weniger in Anwendung 
bringen, wie es der Großgrundbesitzer tut; es ist überall dort unver 
meidlich, wo die Produktion sich in Hinsicht auf einen Markt vollzieht 4 ). 
*) N. P., I, S. 153. 
2 ) 1 arpent (arepenna der Gallier): etwa ein deutscher Morgen (Anm. d. Übers.). 
3 ) N. P., I, S. 325. Dieses Problem des Netto- und Bruttoertrages bat Sismondi 
von Anfang an beschäftigt. Er behandelt es schon in seinem ersten Werk: Tableau 
äe 1’Agriculture toscane (Genf, 1801); und, ohne sich bestimmt für den Brutto 
ertrag auszusprechen, neigt er schon dazu, es anzunebmen: „Warum sollte man den 
hohen Gewinn eines einzigen reichen Pächters als nützlicher für den Staat betrachten, 
als den geringen Lohn vieler tausend Arbeiter und Bauern?“ (S. 191—192). Dieses 
Werk beschäftigt sich übrigens hauptsächlich mit der landwirtschaftlichen Praxis 
und enthält nur wenige volkswirtschaftliche Bemerkungen. Hier findet sich auch 
die formvollendete Beschreibung seiner Meierei im Yal-Chiuso (S. 219 ff.). 
4 ) Es ist richtig, daß Sismondi das Getreide teilweise der Produktion für den 
Markt entziehen wollte, — um die nationalen Lebensmittel nicht den Preis-
	        
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