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. V. Die Hanse und die nordischen Länder
dänischen Küstenschiffahrt zu machen. Anders wird allerdings das Bild,
wenn man die heutige Südspitze Schwedens, Schonen, für das Mittelalter zu
Dänemark hinzurechnet. Denn Schonen gewann seit dem 13. Jahrhundert
eine ungemeine Bedeutung für den hansischen Verkehr. Hier wurde der
sagenhafte Fischreichtum in der technisch fortgeschrittensten Form zu einem
Handelsgut umgestaltet, das in ganz Europa Absatz fand; hier fanden aber
auch im Herbst jene berühmten Schonenschen Märkte statt, auf denen sich
ein geradezu internationaler Verkehr entwickelte, bis um etwa 1400 die
direkte Sundfahrt an Schonen vorbei in die östlichen Ostseeplätze die Rolle
der Schonenschen Märkte schnell sinken ließ. Für das 14. Jahrhundert selbst
ist aber die Rolle der Schonenschen Märkte, namentlich auch die Schätzung
der Ausfuhrwerte an Hering ungleich höher anzusetzen, als das bisher der
Fall war. Wie die letzten Untersuchungen des schwedischen Forschers Weibull
erwiesen haben, ist für das Jahr 1368 mit einer Gesamtausfuhr von Schonen-
schem Hering der Ostsee- und Nordseestädte von über 100000 Herings-
tonnen zu rechnen. Aus eigener Erfahrung kann ich diese neuen Schätzungen
nur bestätigen. Denn es hat sich bei der kritischen Durcharbeitung des
Lübecker Pfundzollbuches von 1368 herausgestellt, daß die aus ihm bisher
gezogenen Schätzungen durchweg zu niedrig gegriffen sind, was mit metho-
dischen Fehlern bei der Berechnung zusammenhängt, auf die ich hier nicht
näher eingehen kann. Die in der allgemeinen Literatur zur Zeit herrschende
überkritische Unterschätzung des mittelalterlichen hansischen Handels
nach Umfang und Organisation wird bald unbefangeneren Würdigungen
weichen müssen?).
Ungleich stärker als bei Dänemark in seinen heutigen Grenzen treten bei
Schweden und Norwegen die Verhältnisse des Handels in den Beziehungen
zur Hanse hervor. Und doch bei beiden Ländern wieder in sehr verschiedener
Weise, Die Ursachen der verschiedenen Stellung, die in der Forschung als
solche längst erkannt und gewürdigt sind, möchte ich mit Vorgängen in Zu-
sammenhang bringen, die bis ins 12. Jahrhundert zurückgehen: Das der
Ostsee zugewandte Schweden lag mit im Bereich der deutschen Kolonisation
des Ostens, Norwegen dagegen nicht. Der Schwedenkönig Birger Jarl, der
um 1250 den Lübecker Kaufleuten bereitwillig auch die Erlaubnis zu einer
dauernden Niederlassung gab, tat im Grunde dasselbe, wie etwa slawische
Fürsten des ostdeutschen Kolonisationsgebiets: Er zog die ihm für die
kulturelle Erschließung seines menschenarmen Landes wertvollen deutschen
Elemente herbei; knüpfte aber daran die Bedingung, daß die deutschen Zu-
wanderer weiterhin als Schweden zu gelten hätten. Um 1280 wurden zur
Erschließung der Erzschätze des Landes wiederum Deutsche herbeigerufen.
Den Hauptanteil an der deutschen Einwanderung in Schweden hatten aber
Bürger und Kaufmann. Die Stadt Wisby ist ja das glänzendste Zeugnis,
was für Leistungen auch im schwedischen Gebiet der städtebauende Deutsche