fullscreen : Volkswirtschaftliches Lesebuch für Kaufleute

72  Zweiter  Teil.  Lande!.  III.  Zur  Geschichte  von  Landet  und  Industrie.
Kaufleute  emporblühte  und  das  Kontor  in  Bergen  bestand,  kaum  noch  das  Maklergeschäft ­
  geblieben;  ihr  östlicher  Landel  gehörte  den  Lansen.  Nowgorod  war  schon
im  13.  Jahrhundert  Stapelplatz  der  Deutschen.  In  Polen  bildeten  die  Deutschen  seit
dem  14.  Jahrhundert  fast  ausschließlich  den  Landelsstand.  In  England,  wo  sie  ihren
Lauptsitz  im  Londoner  Stahlhof  hatten,  beherrschten  sie  den  Landel,  und  lange  war
das  Ringen  der  aufftrebenden  Engländer  gegen  sie  vergeblich.
Die  Blüte  der  Lansa,  die  etwa  um  die  Mitte  des  15.  Jahrhunderts  am  höchsten
stand,  war  ein  Ergebnis  langer  Arbeit.  Das  Vorwärtsdrängen  des  deutschen  Kaufmanns ­
  in  den  slavischen  Ländern  war  aber  zugleich  Arbeit  im  Dienste  deutscher  Kultur.
Die  Begründung  einer  eigenartigen  bürgerlichen  Kultur  in  den  neudeutschen  Städten
des  Ostens  ist  eines  der  nationalen  Lauptverdienste  des  deutschen  Kaufmanns.
Es  war  ein  großer  Landelskreis,  der  sich  so  im  Norden  Deutschlands  in  gewissem ­
  Sinne  für  sich  gebildet  hatte,  aber  er  blieb  doch  mit  dem  Süden,  so  mißtrauisch
er  gegen  ihn  war,  in  notwendiger  Verbindung.  Das  eigentliche  Austauschgebiet  war
freilich  Flandern,  bis  wohin  der  südeuropäische  Landel  seine  Arme  streckte,  und  das
als  Mittelland  nun  eine  große  Bedeutung  gewann.  Die  Straßen  und  Städte  des
inneren  Deutschlands  aber  vermittelten  ebenso  mit  dem  süddeutschen  Landelskreise,  der
seinerseits  wieder  eine  gewaltige  Landelsherrschaft  sich  erobert  hatte.
Den  süddeutschen  Kaufmann  hatte  seine  Verbindung  mit  Italien  emporgebracht.
Italien  war  durch  mannigfache  Momente  zu  außerordentlicher  Landelsblüte  gelangt.
Die  alte  Landelsstraße  von  Byzanz  nach  dem  Norden  war  durch  Anruhen  in  den
slavischen  Reichen  verschüttet:  der  Italiener  hatte  den  morgenländischen  Landel  alsbald
völlig  an  sich  gezogen,  denn  die  Seeverbindung  hatte  ihm  ja  immer  offen  gestanden.
Der  große  levantinische  Landel,  der  durch  die  Kreuzzüge  gerade  einen  besonderen  Aufschwung ­
  genommen  hatte,  ging  jetzt  von  Byzanz  auf  die  italienischen  Seestädte  über.
Der  Italiener  war  an  Geschäftskunde,  wie  schon  Jakob  von  Vitry  bemertte,  dem  Deutschen
und  Franzosen  überlegen,  und  er  hatte  seit  Beginn  der  Kreuzzüge  die  Lage  seines
Landes  und  die  Gunst  der  Amstände  weidlich  benutzt.  Er  hatte  auch,  namentlich  der
Venetianer,  mit  den  Orientalen  alsbald  direkte  Landelsbeziehungen  angeknüpft,  und  zahlreiche ­
  Kaufleute  sehten  sich  in  Byzanz  selbst,  aber  auch  am  Schwarzen  Meer,  in  Kleinasien ­
  und  so  weiter  fest.  Für  den  deutschen  Kaufmann  hatte  die  Verschüttung  der
Landelsbeziehungen  mit  Byzanz  zunächst  Nachteile  gehabt;  Regensburg  ging  zurück,
mit  ihm  der  deutsche  Donauhandel.  Aber  mit  dem  14.  Jahrhundert  hob  sich  dafür
die  alte  direkte  Verbindung  mit  Italien,  das  einen  Abfluß  brauchte,  außerordentlich,
für  den  oberdeutschen  Kaufmann,  insbesondere  den  Nürnberger  und  Regensburger,  ein
unendlicher  Gewinn.  Dabei  wurde  Italien  jetzt  selbst  der  Sitz  einer  starken  Industrie,
und  seine  Erzeugnisse  waren  stark  begehrt.  Der  wichtigste  Platz  war  Venedig.  Aber
den  früheren  Verkehr  der  Deutschen  mit  dieser  Stadt  sind  mancherlei  Nachrichten,  freilich
nicht  immer  sicherer  Art,  erhalten.  Das  Kaufhaus  der  Deutschen,  der  Fondaco  dei
Tedeschi,  wird  aber  bereits  1228  erwähnt.  Aus  dem  Anfang  des  14.  Jahrhunderts
wird  uns  auch  schon  von  jungen  deutschen  Kaufleuten  erzählt,  die  in  Venedig  ihre
Ausbildung  erhielten.  Immer  enger  und  lebhafter  wurde  dieser  Verkehr.  Im  15.  Jahrhundert ­
  waren  dort  gleichzeitig  meist  100  deutsche  Kaufleute  anwesend,  nicht  nur  aus
Süddeutschland,  auch  aus  Köln  oder  Lübeck.  Aus  der  Lagunenstadt  holten  die  Deutschen
die  begehrten  Waren  der  Levante  wie  auch  die  Erzeugnisse  des  vcnetianischen  Gewerbfleißes
  selbst,  Glas  und  feine  Seidenzeuge,  und  brachten  dafür  die  Ausbeute  der  Bergwerke, ­
  Pelze,  Tuch,  Leder,  Lolz  und  Getreide.  Am  meisten  brachten  ihnen  aber  die
von  dort  geholten  Waren  Gewinn.  Die  Nürnberger  kamen,  wie  die  venetianifche  Regierung, ­
  der  übrigens  der  Fondaco  täglich  durch  die  Abgaben  von  den  Waren  ungefähr ­
  100  Dukaten  einbrachte,  urteilte,  durch  diesen  Verkehr  gleichsam  „von  nichts  zu
den  größten  Reichtümern".
            
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