126 ll, 2. Die Arbeitslosigkeit
nicht mehr bloß tatsächlich, sondern rechtlich eingeschränkt wäre,
bleibt immer noch ein himmelweiter Unterschied bestehen, und es
wird keiner sozialistischen Sophistik gelingen, diesen Unterschied zu
verwischen. Line Freiheit, die mit Mängeln und Schranken behaftet
ist, ist immer noch etwas ganz anderes als eine nach allen Richtungen
durchgeführte Grganisation der Abhängigkeit.^)
Welches von den beiden Gesellschaftsidealen, die sich in einer
Gesellschaftsordnung nicht zugleich in vollkommenem Maße durchführen
lassen, ist nun aber als das an sich höherstehende anzusehen,
das der Freiheit oder das der Gleichheit? Mit den Mitteln
der Logik und der Wissenschaft läßt sich dieser Streit niemals entscheiden.
Man kann nicht mathematisch zwingend beweisen, daß von
den beiden hier miteinander im Streit liegenden Idealen das eine
unbedingt vor dem anderen den Vorzug verdiene. Der begeisterte
Sozialist wird sich nie davon überzeugen lassen, daß die wirtschaftliche
Freiheit, welche die heutige Gesellschaftsordnung gewährt, höher
zu schätzen sei als die Gleichheit und Existenzsicherung durch den
Staat, die sie nicht bietet. Daraus folgt: der Streit zwischen Individualismus
und Sozialismus ist ein ewiger Streit, und die Wissenschaft
vermag uns die Rufgabe nicht abzunehmen, uns selbst in dem
Streit zwischen Individualismus und Sozialismus zu entscheiden. Er
ist unser freier, sittlicher Wille, der in diesem Streit wie überhaupt i»
allen letzten und höchsten Lebensfragen, die nicht mehr Sache des Wissens,
sondern des Glaubens sind, die Entscheidung zu treffen hat.
In dieser Glaubensfrage stehe ich aber nicht an, zu bekennen,
daß die Wagschale, in die der Sozialismus die Ideale der Existenzsicherung
und der Gleichheit legt, für mich federleicht wiegt im vergleich
mit der Wagschale, in die der Individualismus die wirtschaftliche
Freiheit zu legen hat. Die Freiheitsrechte, die uns die
heutige Gesellschaftsordnung gewährt, insbesondere die Freiheit der
Bedarfsbildung und der Arbeit, find die unumgängliche Grundlage
29) Treffend auseinandergesetzt bei Philipp Lotmar, Die Freiheit de»
Berufswahl, 1898.