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„Man habe dafür zu sorgen, daß Volk genug in einem gemeinen
Wesen und auch in einem Staate sey, nicht zu viel und nicht zu
wenig. Nehmlich es sind ihrer zu viel, wenn sie nicht im Lande
ihren nötigen Unterhalt finden können; hingegen zu wenig, wenn
man noch mehreren Unterhalt verschaffen könnte, oder auch die
Untertanen zu schwach sind, der Macht auswärtiger Feinde genugsam
zu widerstehen. Und also hat man in Bevölkerung des Staates
nicht allein darauf zu sehen, daß man die Anzahl der Untertanen
mehret, sondern man muß auch darauf bedacht sein, ob durch gute
Anstalten allen nöthiger Unterhalt kann verschafft werden“ ”. Ein
anderer Schriftsteller dieses Zeitalters, Bergius, schreibt: „Denn es
ist eine unleugbare Wahrheit, daß die wahre Stärke eines Staats in
der Menge der Einwohner besteht. Das Land wird immer mehr
kultiviert, es werden mehr Landswaren und Produkte gewonnen,
Diese ziehen die Unternehmung der Gewerbe, der Manufakturen
und Fabriken nach sich, welche die Kommerzien vergrößern, den
Umlauf des Geldes befördern und den Reichtum des Landes ver-
mehren“ 2).
Nach diesen Beispielen, die sich noch leicht vermehren ließen,
kann man wirklich nicht von einer blinden Schwärmerei dieser
Schriftsteller für das Volkswachstum sprechen. Sie alle betonen
mit Nachdruck auch die Seite des Nahrungsspielraums und wissen,
daß im Verhältnis zu dessen Größe die Volkszahl auch zu sehr zu-
nehmen kann. Alle diese Auffassungen decken sich etwa mit der
einfachen Antwort, die ein Schriftsteller in der, oben erwähnten
Preisarbeit in den Carlsruher Sammlungen gegeben hat, wenn er
sagte: „Ein Land kann nicht zu viel bevölkert werden, wenn es alle
seine Einwohner genügend ernähren kann“*), Bei all diesen Schrift-
stellern besteht ein ganz besonders enger Zusammenhang zwischen
Bevölkerung und Wirtschaft. Das Ideal ist eine „volkreiche Nahrung“;
wie es L. Sommer zutreffend ausgedrückt hat: „Es ist dies die
Forderung einer Produktionsstufe mit möglichst großer Bevölkerungs-
kapazität“ *)., Man lese, wie eingehend z,. B. Hörnigk auf die Er-
weiterungsmöglichkeiten des Nahrungsspielraumes hingewiesen hat »
1) Ch. Freiherrn von Wolff, Vernünftige Gedanken von dem gesellschaftlichen
Leben der Menschen, 6. Aufl., 1747, $ 274.
2%) Bolizey- und Cameralmagazin, 1767—1774, Bd. ı, S. 293.
sy’ Gedanken von d. Bevölkerung, Carlsruhe 1759, — Vgl. auch zu dieser ganzen
Zeit H. Eschenhagen, Bevölkerungspolitik un. Bevölkerungstheorie in Deutschland
in d. Mitte d, 18. Jahrhunderts, Diss., Freiburg 1921.
4) L. Sommer, Die österreichischen Kameralisten, Bd. 2, 1925, S. 46.
5) „Oesterreich über alles, wann es nur will“, Leipzig 1707. Vör allem 16. Abschn.
Erster geschichtlicher Teil