Full text : Kapitalismus und Sozialismus

28  I,  2.  Erwerbswirtschaft  und  Konsumgenossenschaft
nimmt,  irgendeiner  Bevorzugung  durch  Maßnahmen  der  Gesetzgebung
und  Verwaltung  verdankt.  Im  Gegenteil.  Für  die  letzte  Zeit  kann
eher  von  einer  Begünstigung  mancher  Formen  der  konsumgenossenschaftlichen ­
  Produktionsweise,  hauptsächlich  der  Baugenossenschaften,
durch  die  öffentliche  Gewalt  gesprochen  werden.  Im  ganzen  also
ist  die  überragende  Stellung,  welche  die  Lrwerbswirtschaft  heute
im  Wirtschaftsleben  der  Kulturvölker  einnimmt,  von  ihr  aus  eigener ­
  Kraft  erobert  worden,  und  ihre  Überlegenheit  über  die  Konsumgenossenschaft ­
  geht  somit  auf  natürliche  Ursachen  zurück.  Für  den,
der  nicht  an  der  geistigen  Farbenblindheit  leidet,  die  manchen  begeisterten ­
  Apostel  des  Genossenschaftswesens  hindert,  das  Normale
von  dem  Unnormalen  zu  unterscheiden,  sind  die  Gründe  dieser  natürlichen ­
  Überlegenheit  der  Lrwerbswirtschaft  ja  auch  nicht  schwer  zu
erkennen.
Der  Vorsprung,  den  die  erwerbswirtschaftliche  Produktionsweise
vor  der  konsumgenossenschaftlichen  besitzt  und  in  der  individualistischen ­
  Wirtschaftsordnung  auch  stets  behalten  wird—  in  der  sozialistischen ­
  gibt  es  den  Gegensatz  zwischen  Konsumgenossenschaft  und
Lrwerbswirtschaft  überhaupt  nicht  mehr  —,  ergibt  sich  schon  aus
der  Natur  der  Aufgabe,  die  der  Produktion  in  jeder  individualistischen
Wirtschaftsordnung  gestellt  ist.  Die  Aufgabe,  welche  die  Produktion
hier  beständig  von  neuem  zu  läsen  hat,  besteht  ja  darin,  einem  frei
sich  bildenden  Bedürfe  sich  anzupassen.  Mit  souveräner  Freiheit
kann  der  Konsument,  wie  wir  wissen,  in  der  heutigen  Wirtschaftsordnung ­
  darüber  entscheiden,  welchen  Produkten  er  seine  Nachfrage
zuwenden  und  wie  hoch  er  mit  den  preisen  für  die  einzelnen  Produkte ­
  gehen  will.  Und  nichts  hindert  ihn  auch,  die  Richtung  der
Nachfrage  und  die  höhe  des  Werts,  den  er  einer  Ware  beilegt,
schnell  wieder  zu  ändern.  Dem  modernen  Kulturmenschen  schreibt
ja  nicht  mehr  wie  dem  Bürger  und  Bauer  früherer  Jahrhunderte
die  Sitte  vor,  wie  er  sich  zu  kleiden  hat,  wie  er  sich  seine  Wohnung
einzurichten  und  sein  ganzes  häusliches  Leben  zu  gestalten  hat.  Auf
immer  mehr  Gebieten  emanzipiert  er  sich  von  den  früheren  fest-
            
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