222
Zweites Buch. Die Gegner.
Es ist auffallend, bei Sismondx schon recht entwickelte Keime
verschiedener Tendenzen zu sehen, die im Laufe des 19. Jahrhunderts
eine wachsende Bedeutung erlangen sollten. Er ist der erste Gegner,
den die klassische Schule auf ihrem Wege fand, und er faßt schon
die hauptsächlichsten „Ketzereien“ zusammen, gegen die sie später
zu kämpfen hatte, und denen sich an ihrer Stelle die Gunst der öffent
lichen Meinung zu wenden sollte. Ist es nun das Werk Sismondi’s,
das diese neuen Tendenzen hervorgerufen hat? Es erscheint das
wenig wahrscheinlich. Sein unmittelbarer Einfluß war sehr be
schränkt ; er hat sich, wie wir bald sehen werden, nur auf die Sozia
listen erstreckt. Sein Buch ist ziemlich schnell vergessen worden,
bis man heute von neuem seine Bedeutung begriffen hat. Es würde
der Wahrheit näher kommen, wenn man sagte, daß im Laufe des
19. Jahrhunderts eine Renaissance und eine spontane Entwicklung der
Ideen, die sich in Sismondi verkörpert hatten, eintrat. Trotzdem
bleibt er aber der erste, der den Mut fand, seine Stimme gegen Prin
zipien zu erheben, die auf dem besten Wege waren, Dogmen zu werden.
Als der erste weist er, entgegen der herrschenden Meinung auf Tat
sachen hin, die nicht mit den großen und einfachen Generalisationen
seiner Vorgänger übereinstimmen. Wenn er daher nicht das Haupt
der neuen Schulen geworden ist, die entstehen sollten, so war er doch
ihr Vorläufer. Sie wie er werden von den gleichen Gefühlen gelenkt.
Beide formulieren die gleichen Gedanken.
Was zunächst die Methode anlangt, so nimmt er die Anschauungen
der historischen Schule vorweg. Seine Definition der National
ökonomik als einer „Geschichtsphilosophie“ l ) gelangte erst zur Herr
schaft als Eoschee, Knies und Hildebeand sie wieder aufgriffen.
Sein Hinweis auf die Notwendigkeit der Beobachtung der Tatsachen,
seine Kritik der deduktiven Methode und vorschneller Verallgemeine
rungen werden von Le Play in Frankreich, Schmollee in Deutsch
land, Clieee Lbslie und Toynbee in England wieder aufgenommen.
Die Gründer der deutschen historischen Schule, die über ausländische
Schriftsteller ziemlich schlecht unterrichtet gewesen sind, haben ihn
als einen Sozialisten angesprochenAber die heutige historische
Schule wird seinen Gedanken gerechter und sieht in ihm einen ihren
ersten Vertreter.
Seine Betonung des Gefühls, seine Sympathie für die Arbeiter
klassen und seine Kritik der industriellen Ordnung, des Maschinen
wesens, der Konkurrenz und des als alleinigen wirtschaftlichen
Faktors betrachteten persönlichen Interesses läßt schon die heftige,
J ) Siehe oben, S. 198, Anna. 8.
2 ) Eigentümlicherweise reiht ihn Knies unter die Sozialisten ein.