Der Ursprung der sozialistischen Bewegung 7g
Vas Vorhandensein einer sozialistischen Bewegung oder wenigstens
Gesinnung in jeder individualistisch geordneten Gesellschaft entspricht
geradezu einem psychologischen Gesetz. Wenn es zwei an sich mögliche
Systeme der Ordnung eines sozialen Gebiets gibt, so wird dasjenige
System, das im Leben tatsächlich herrscht, selbst wenn es ganz
unzweifelhaft das weitaus bessere ist, doch stets einer Opposition
begegnen, die zu seiner Abschaffung auffordert. Ver Durchschnittsmensch
neigt regelmäßig dazu, von dem sozialen System, unter dem
er wirklich lebt, nur die Mängel und Unvollkommenheiten zu sehen,
die guten Seiten dagegen als etwas Selbstverständliches hinzunehmen.
Für gewöhnlich nimmt er sie eben gar nicht wahr, er fängt erst an,
sie zu entdecken, wenn sie ihm verlorengehen, von dem zur Zeit nicht
herrschenden sozialen System dagegen ist er umgekehrt gestimmt, nur
die guten Seiten zu sehen, seine Übel dagegen, eben weil er nicht unter
ihnen zu leiden hat, weil sie höchstens vorgestellte Übel sind, geringzuschätzen,
sie gewissermaßen nur in perspektivischer Verkleinerung zu
sehen. So ist ja die bekannte Erscheinung zu erklären, daß die Menschen
auf allen Gebieten die Einrichtungen verurteilen, die gerade eingeführt
sind, und sich nach denen sehnen, die zur Zeit nicht bestehen.
Diese Denkweise, von der die Gattung horno sapiens bei ihren
politischen Urteilen sehr stark sich leiten läßt, schafft in einer Welt,
in der das individualistische Rechtsprinzip regiert, immer eine gewisse
Stimmung für den Sozialismus. Darum waren sozialistische
Gedankengänge bekanntlich schon den Völkern des klassischen Altertums
nichts Fremdes, sondcrnhaben bereits bei ihnen eine ziemlich bedeutende
Verbreitung gehabt.^) Zu einem mächtigen Strom, zu
einer Idee von gewaltiger parteibildender Rraft ist der Sozialismus
allerdings erst im Laufe des letzten Jahrhunderts geworden.
Ganz natürlich. Die Gegengewichte, die früher seine Entwicklung
aufgehalten hatten, sind durch die Umwälzungen auf industriellem
Gebiete im letzten Jahrhundert zum größten Teile zerstört worden.
lb) Dgl. dar grundlegende IDcrf von R. pöhlmann, Geschichte des
antiken Kommunismus und Sozialismus, 2. Aufl., 1913.