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Schienenstrang verbunden. Die neunziger Jahre bezeichnen somit eine
Periode angespannter Tätigkeit, weniger des Staates als der großen
Privatbahngesellschaften. Der Ausbau des Bahnnetzes verdient um so
mehr uneingeschränktes Lob, als die Bahnen meist in verhältnismäßig
kurzer Zeit gebaut waren, wie selten zuvor und nachher. Dazu kommt
das aufopferungsvolle Verhalten mancher Gesellschaften, die mit vielen
Bahnen naturgemäß keine großen Gewinne einheimsen konnten. Man
hatte zugleich aber auch erkannt, daß für manche rein landwirtschaft
liche, an größeren Siedlungen arme Gegenden sich der Bau von Schmal
spurbahnen empfehle. Das Nebenbahngesetz vom 8. Juni 1892 ließ
auch Kleinbahnen mit einer Spur bis zu 0,6 m zu. Es bildeten sich in
der Folgezeit Eisenbahngesellschaften, die sich nur mit dem Betrieb
von Klein- und Zufuhrbahnen abgaben. Die fast rein landwirtschaft
lichen und kaum über den Durchschnitt des ganzen europäischen Reiches
bevölkerten baltischen Provinzen, die westliche dichtbevölkerte, jedoch
industriearme Ukraine, aber auch die Industriebezirke von Petersburg,
Warschau und Lods wurden Mittelpunkte dieser Zufuhrbahnnetze.
Selbst die wolynische Hauptstadt Shitomir mußte sich mit einer Schmal
spurbahn begnügen 1 ). In den baltischen Provinzen entstand so nach
gerade ein Netz von über 500 W und in der Ukraine um Shitomir, Ber-
clitschew, Gaiworon und Olwiopol ein solches von 574 W.
Auch im neuen Jahrhundert hielt zunächst die Bautätigkeit noch an.
Namentlich der Nordwesten, der, obwohl er zur Nachbarschaft der Haupt
städte gehörte, bis zum Jahre 1897 vernachlässigt war, wie keine andere
Gegend in Rußland, erhielt endlich die nötige Auf Schließung. Vor der
Eröffnung der Linie Bologoje—Pskow (1897) war das weite Gebiet
zwischen St. Petersburg—Dwinsk, Dwinsk—Smolensk, Smolensk—
Wjasma—Lichoslawl, Lichoslawl—St. Petersburg, das wohl gegen
170000 qkm umfaßt, mit Ausnahme der unbedeutenden Nowgorodbahn
ohne jede Eisenbahn. Hier entstand das Arbeitsfeld der Rybinsker
Bahngesellschaft. Nach dem Bau ihrer Ostwestlinie (Rybinsk—) Bologoje
—Pskow kam eine weitere große Parallellinie zuwege: Moskau—Rshew—
Rjeshiza—Kreuzburg—Mitau—Tukkum—Windau. Mit Ausnahme der
erst 1904 eröffneten Strecke Kreuzburg—Tukkum war die große Linie
bereits 1901 fertiggestellt. Eine wenn auch zunächst noch verkehrs
arme, so doch zukunftsreiche Linie war im Besitz einer Privatbahn, die
wohl die Erweiterung des Gesellschaftsnamens in Moskau—Windau—
Rybinsk (1897) rechtfertigte. Eine Verbindung ihrer Linien unter
einander brachte dann eine Nordsüdlinie, die ebenfalls zweifellos einer
großen, vielleicht sogar noch größeren Zukunft entgegengeht. Die 1898
erörterte Frage, ob die Bahn in St. Petersburg oder in Luga beginnen
sollte, wurde 1900 zugunsten des Petersburger Anschlusses beantwortet,
1 ) Ende 1899 bestanden 754 W Lokalbahnen, Ende 1900 aber 1160 W.