Full text : Verkehrsgeographie der Eisenbahnen des europäischen Rußland

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4.  Die  strategische  Bedeutung  der  russischen  Bahnen
und  die  Eisenbahnpolitik  in  Polen.  Zweigeleisige
Bahnen.  Straßenbaupolitik.
Die  strategische  Bedeutung  des  russischen  Bahnnetzes  ist  schon
oft  hervorgehoben  worden.  Man  hat  sie  aber  auch  übertrieben,  so  wenn
man  sagt,  daß  militärische  Gründe  in  stärkerem  Maße  den  Ausbau
gefördert  hätten  als  Verkehrs-  und  Wirtschaftsrücksichten.  Bahnen
sollen  gebaut  sein  oder  werden  noch  gebaut,  ohne  wirtschaftliche  Interessen ­
  in  Betracht  zu  ziehen.  Strategische  Gründe  sollen  besonders
auch  die  Warschau-Wiener  Bahn  gefordert  haben,  die  doch  in  einer
Zeit  (1845—1848)  entstand,  in  der  doch  wenigstens  keine  Feindschaft,
um  nicht  die  letzthin  angegriffene  Wendung  traditionelle  Freundschaft
zu  gebrauchen,  Rußland  mit  den  deutschen  Staaten  verband.  Es  ist
doch  übrigens  bezeichnend,  daß  die  Verbindung  Warschaus  mit  Österreich ­
  um  viele  Jahre  früher,  erfolgte,  als  die  Verknüpfung  mit  Petersburg, ­
  und  auch  die  beiden  ältesten  Verbindungen  Polens  mit  Preußen
erfolgten  um  dieselbe  Zeit,  wie  die  Fertigstellung  der  Petersburger  Linie.
Sicherlich  habest  die  linksseitigen  Weichselbahnen  strategische  Bedeutung, ­
  wie  aber  schließlich  jede  Bahnlinie,  die  zur  Grenze  führt 1 )
Für  die  Entstehung  der  Wiener  Bahn  dürfte  aber  ohne  Zweifel  der  Grund,
ein  bevölkertes  und  schon  damals  industriell  nicht  unentwickeltes  Gebiet
mit  dem  ihm  auch  kulturell  verwandten  mitteleuropäischen  Wirtschaftskreis
  zu  verbinden,  nicht  zu  übersehen  sein.  Man  hat  kürzlich  an  ein
Wort  Wittes  erinnert *  2 ),  nach  dem  „die  strategischen  Erwägungen  nicht
nur  einen  Einfluß  für  den  Bau  der  rein  militärischen  und  politischen
Linien,  sondern  auch  den  ganzen  Fortgang  des  Eisenbahnbaues  im
Sinne  der  Auswahl  der  Richtungen  fast  aller  Linien  ohne  Ausnahme
gehabt  haben“.  Auch  hier  wird  die  wirtschaftliche  und  geographische
Notwendigkeit  vieler  Eisenbahnen  übersehen  oder  unterschätzt.  Wenn
die  russischen  Eisenbahnen  in  früherer  Zeit  keine  Rente  abwarfen,  so
kann  man  die  Schuld  doch  nicht  der  angeblich  nur  strategischen  Gründen
entspringenden  Anlage  der  Linien  zuschreiben.  Hätten  andere  Bahnverwaltungen ­
  etwa  die  Linien  Warschau—Petersburg,  Warschau-Moskau,
  Moskau—Charkow,  die  alle  bedeutenderen  Plätze  berühren,
anders  trassiert,  als  es  russischerseits  geschehen  ist!  Und  wenn  die
Nikolaibahn,  die  in  diesem  Zusammenhang  gern  herangezogen  wird,
der  von  einer  Seite  geäußerten  Anregung  folgend  die  stille  Provinzhauptstadt ­
  Nowgorod  berücksichtigt  hätte,  so  hätte  sich  in  einer  späteren
J )  Auch  Kawkaski  (Petermanns  Mitteil.  1910  S.  56)  betont  wohl  zu  stark,
daß  für  eine  mögliche  Offensive  —  man  denke  an  die  wenigen  Bahnen  —  die  Anlage
des  Bahnnetzes  zwischen  der  Weichsel  und  der  Grenze  von  einschneidender  Bedeutung ­
  gewesen  sei.
2 )  Ischchanian,  Die  ausländischen  Elemente  in  der  russischen  Volks-  V
Wirtschaft,  S.  219.
            
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