Full text : Verkehrsgeographie der Eisenbahnen des europäischen Rußland

in  Österreich-Ungarn,  ist  die  Zahl  der  Strecken,  die  in  einer  Länge  von
100  oder  mehr  km  ohne  Aufenthalt  zurückgelegt  werden,  schon  ganz
beträchtlich  und  wird  andauernd  vermehrt.  In  Deutschland  gibt  es
(Sommer  1913)  bereits  über  50  derartige  Linien.
In  Städte-  und  industriereichen  Ländern  sind  natürlich  der  Schaffung
derartiger  Strecken  gewisse  Grenzen  gezogen.  Im  westlichen  Deutschland ­
  fehlen  sie  fast  ganz,  in  Rheinpreußen  ganz 1 ).  Ohne  Zweifel  nimmt
man  hier  auf  größere  Orte  weitestgehende  Rücksicht,  weit  mehr  als  in
Belgien,  England  und  auch  in  einigen  Teilen  Frankreichs.  Offenbar
fehlen  z.  B.  im  Rheinland  auch  noch  die  technischen  Vorbedingungen,
die  zugleich  eine  gewisse  Verlangsamung  der  Züge  veranlassen.  In
landwirtschaftlichen  und  dazu  ebenen  Bezirken  ist  natürlich  eine  lange
aufenthaltlose  Strecke  viel  mehr  am  Platze.  Freilich  gibt  es  auch  hier
Grenzen.  Aufenthaltlose  Strecken  wie  Berlin—Schneidemühl  (246  km),
Berlin—Hannover  (254  km),  Berlin—Liegnitz  (264  km)  und  Berlin-Hamburg
  (287  km),  zu  denen  sich  neuerdings  die  315  km  lange,  durch
gebirgige,  teilweise  dichtbesiedelte  und  auch  nicht  industrielose  Landschaften ­
  führende  Strecke  Halle—Nürnberg  gesellt,  sind  schon  ganz
besonders  lange  Trassen,  deren  Länge  auch  in  der  Zukunft  nicht  wesentlich ­
  übertroffen  werden  dürfte.
Würde  man  an  die  russischen  Verhältnisse  den  Maßstab  Norddeutschlands ­
  anlegen,  so  daß  die  großen  Züge  nur  an  wirklich  bedeutenden
Siedlungen  und  an  Verkehrszentren  halten,  so  müßte  die  Strecke  St.  Petersburg—Wologda ­
  (fast  600  km)  ohne  Aufenthalt  zurückgelegt  werden.
Aber  abgesehen  davon,  daß  auch  auf  den  mitteleuropäischen  Bahnsystemen ­
  derartige  gewaltige  Strecken  wohl  nie  aufenthaltlos  zurückgelegt ­
  werden  können,  ist  zu  berücksichtigen,  daß  erst  recht  die  betriebstechnischen ­
  Einrichtungen  der  russischen  Eisenbahnen  zurückstehen
hinter  denen  der  mitteleuropäischen  Bahn  Verwaltungen.  Deshalb  legen
auch  die  schnellsten  Züge  auf  der  Linie  Petersburg—Wilna  die  273  km
lange  Strecke  Pskow—Dwinsk  nicht  ohne  Aufenthalt  zurück,  aber  sie
halten  nicht  an  den  größeren  Stationen  Ostrow,  Pytalowo  und  Rjeshiza,
sondern  sämtlich  an  der  kleinen,  etwa  in  der  Mitte  der  Strecke  gelegenen
Station  Korsowka.
Nichtsdestoweniger  gibt  es  auch  heute  in  Rußland  eine  Reihe
längerer  Strecken,  die  ohne  Anhalten  befahren  werden,  und  zwar  im  europäischen ­
  Gebietsteile  allein  28  von  über  100  km.  Dazu  müssen  weiter
Strecke  Mailand  —  Genua  ein  Halten  erforderlich  macht.  Ist  es  doch  auch  fast
die  Hegel,  daß  weniger  gute  Schnellzüge  nicht  nur  an  den  vielen  vorgesehenen
Punkten  die  Fahrt  unterbrechen,  sondern  auch  an  anderen.  Demnach  kann  die
von  den  Expreßzügen  amtlich  ohne  Anhalten  durchlaufene  316  km  lange  Strecke
Rom—Livorno  doch  nicht  sehr  hoch  •eingeschätzt  werden.
x )  Seit  Mai  1914  legt  allerdings  ein  Zug  die  182  km  lange  Strecke  Köln—Wiesbaden ­
  ohne  Aufenthalt  zurück.
            
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