Full text : Die Eingliederung der vertriebenen Elsass-Lothringer in das deutsche Wirtschaftsleben im Augenblick seines Tiefstandes

O  I.  HAÜPTTEIL.
Der  Waffenstillstand  brachte  eine  gewisse  Beruhigung.
Freilich  die  Tatsache  stand  nun  fest:  die  Entscheidung
■über  die  Zukunft  Elsaß-Lothringens  lag  nicht  mehr  in
deutscher  Hand.  Die  elsaß-lothringische  Frage  wurde  nun
in  der  Tat  eine  internationale.  Die  Gefahr  einer  Lösung
im  französischen  Sinne  war  ungeheuer  groß.  Doch  klammerte ­
  man  sich  noch  an  das  von  unsern  Gegnern  so  laut
verkündete  Selbstbestimmungrecht  der  Völker.  Die  Franzosen-Partei
  im  Lande  erhob  schon  während  der  letzten
Tage  deutscher  Herrschaft  stolz  ihr  Haupt,  als  die  Revolution ­
  und  der  militärische  Zusammenbruch  anarchische  Zustände ­
  schufen.  Und  doch  schien  es  unmöglich,  daß  ein
deutscher  Stamm,  eine  zu  88  °/ 0  deutschsprechende  Bevölkerung ­
  sich  Welschland  überliefern  würde.
Die  weitere  Entwicklung  mußte  abgewartet  werden,
und  für  den  Augenblick  war  das  Entscheidende,  daß  man
wenigstens  rein  äußerlich  genommen  diese  Weitergestaltung
der  Dinge  in  Ruhe  abwarten  konnte.  Dafür  sprach  der
Artikel  6  des  Waffenstillstands  Vertrages.
Von  den  seit  1870/71  nach  Elsaß-Lothringen  zugewanderten ­
  Deutschen  und  deren  Abkömmlingen  hatten  die
meisten  hier  eine  neue  Heimat  gefunden.  Die  genaue  Zahl
dieser  im  Gegensatz  zu  der  schon  vor  1870/71  in  Elsaß-Lothringen
  ansässigen  Bevölkerung  als  Altdeutsche  bezeichnten ­
  Deutschen  läßt  sich  nicht  angeben.  Im  Jahre
1910  wurden  im  Reichsland  295436  Staatsangehörige  anderer ­
  deutscher  Bundesstaaten  gegenüber  1502071  Inhabern
der  elsaß-lothringischen  Staatsangehörigkeit  gezählt.  Doch
ist  zu  bedenken,  daß  eine  große  Zahl  der  seit  1870  zugewanderten ­
  Deutschen  oder  deren  Abkömmlinge  die  elsaßlothringische ­
  Staatsangehörigkeit  erworben  hatte,  und  bei
der  Volkszählung  als  elsaß-lothringische  Staatsangehörige
geführt  sind.  Auch  hat  seit  1910  eine  weitere  Einwanderung ­
  Altdeutscher  nach  Elsaß-Lothringen  stattgefunden,
und  so  schätzte  das  Statistische  Amt  von  Elsaß-Lothringen
bei  Ausbruch  des  Krieges  die  Zahl  der  Altdeutschen  im
Reichsland  auf  400000.
            
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