Full text: Die Eingliederung der vertriebenen Elsass-Lothringer in das deutsche Wirtschaftsleben im Augenblick seines Tiefstandes

WANDERUNGSVERLAUF UND GETROFFENE MASSNAHMEN. 155 
Vertriebenen mußten hoffen, daß die endgültige Entschädi 
gung bald erfolgen würde, da sie sonst Gefahr liefen, die 
im voraus erhaltene Summe als Lebensunterhalt ver 
brauchen zu müssen, weil die Gründung eines Unternehmens 
oder eines Geschäftes usw., das ihnen ein genügendes Ein 
kommen verschafft hätte, mit dieser Summe zumeist un 
möglich war. 
Das Entschädigungsgesetz ist bis heute noch nicht er 
lassen. Zurzeit finden Besprechungen zwischen den ver 
schiedenen zuständigen Reichsministerien und den Ver 
tretungen der Vertriebenen über den Entwurf eines solchen 
Gesetzes, das vom Wiederaufbauministerium ausgearbeitet 
worden ist, statt. Bis dieses Gesetz in Kraft gesetzt wird, 
können noch Monate vergehen. Über zwei Jahre werden 
seit den ersten Ausweisungen vergangen sein, bis endlich 
die Vertriebenen wenigstens klar sehen, mit welchen Mög 
lichkeiten sie für den Wiederaufbau ihrer Existenz rechnen 
können. Bis sie den Ersatz ihrer Verluste in Händen 
haben, werden weitere Monate vergehen. Wieviel Ver 
bitterung durch dieses Hinauszögern in der Entschädigungs 
frage gesät worden ist, läßt sich leicht denken. Und ob 
die elsaß-lothringischen Flüchtlinge einigermaßen durch 
die kommende Regelung der Entschädigung in die Lage 
versetzt werden, sich entsprechend ihrer früheren Lebens 
stellung und Lebenhaltung •— selbstverständlich der all 
gemein in Deutschland gesunkenen Lebenshaltung ange 
paßt — in die deutsche Volkswirtschaft einzugliedern, 
muß sehr bezweifelt werden. 
Laut Zeitungsnachrichten 1 ) hat der Finanzminister 
eine Aufstellung vorgelegt, nach welcher die Entschädigun 
gen an Reichsdeutsche auf Grund von erlassenen oder in 
Ausarbeitung befindlichen Entschädigungsgesetzen sich auf 
etwa 130 Milliarden Mark belaufen sollen. Eine solche 
Summe von Entschädigungen kann das Reich bei seiner 
heutigen bereits annähernd 300 Milliarden Mark betragen 
den Schuldenlast nicht auf sich nehmen. Nun muß man 
bedenken, daß in dieser Ziffer von 130 Milliarden Mark 
1) (Bls.-Lothr. Mitteilungen, Jahrg, II [1920], Nr. 41).
	        
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