130 Drittes Buch. Der gesellschaftliche Prozeß des Güterumlaufes u. der Einkommensverteilung. [588
blicklichen Stimmungen der Kaufleute, ihrem Kredit, ihren Verabredungen und Ähn—
lichem. Daraus entstehen viele kleine Schwankungen der Nachfrage; die großen Züge
derselben werden dadurch kaum berührt; wir können also hier zunächst davon absehen. —
Wir kommen zur Sache, und ich füge nochmals eine Einschränkung hinzu. Wir
wollen, hauptsächlich des Raumes wegen, nur die Nachfrage nach Nahrungsmitteln
etwas näher betrachten; fie ist heute noch die wichtigste, nimmt bei der Mehrzahl der
Menschen 40—60 Prozent des Einkommens in Anspruch, stand in roheren Zeitaltern
wahrscheinlich noch viel mehr in erster Linie. Auf die Nachfrage nach Wohnung,
Kleidern, nach Gütern und Arbeit für alle anderen Zwecke wollen wir nur zum Schluß
mit ein paar Worten kommen. Wir fragen, wie hat sich diese Nachfrage entwickelt,
was wissen wir über sie? Die Physiologie hat uns neuerdings über die wünschens—
werte Art der Ernährung belehrt; sie hat uns gezeigt, welche Stoffe und in welcher
Menge und Mischung sie nötig sind; sie hat nachgewiesen, daß einerseits die Protein—
oder Eiweißstoffe, die stickstoffhaltigen Nährstoffe Blut, Muskeln, Nerven, Knochen
hilden, daß andererseits die stickstofffreien Stoffe, die Kohlehydrate und Fette, in drei
his viermal größeren Mengen als jene nötig sind, daß sie Wärme und Kraft ausldsen,
daß daneben noch Mineralsalze unentbehrlich sind. Außerdem hat uns die Geschichte
und Statistik, haben uns wirtschaftliche Beschreibungen aller Art ein großes Erkenntnis—
naterial geliefert. Ein besonders beliebtes und anschauliches Hülfsmittel des Über—
blickes über die Nachfrage in verschiedenen Ländern, Städten u. s. w. ist die Berechnung
der Durchschnittskonsumtion pro Kopf der Bevölkerung. Gewiß ruhen diese Berechnungen
nur teilweise auf genauen Erhebungen über Verzehr und Gesamtproduktion, über die
Aus- und Einfuhr; teilweise sind sie auf Schätzungen aufgebaut. Sie geben nur ein
cohes, nivelliertes Bild der durchschnittlichen Nachfrage großer Gruppen von Menschen,
in welche Arme und Reiche, Kinder und Erwachsene zu einer Mittelzahl vereinigt sind.
Aber sie stellen doch ein unentbehrliches Glied unserer fortschreitenden Erkenntnis dar.
Sie müssen nur durch unser sonstiges Wissen, durch Specialbeobachtung einzelner Fälle,
Personen und Klassen ergänzt, durch kritische Prüfung gesichtet werden.
Wir wollen uns mit der Urgeschichte der menschlichen Ernährung, die wir (18 78)
schon berührt, nicht lange aufhalten; aber wir müssen mit einigen Worten von ihr
ausgehen, um durch ihre Schwierigkeit und Unvollkommenheit die spätere Ernährung
in das richtige Licht zu setzen. Die Ernährung des Urmenschen war deswegen eine
schwierige, weil er weder Gramineen baute, noch Fleischnahrung und Milchgenuß kannte;
ex besaß weder Brot, noch Butter, er verstand nicht zu kochen und so die Nährmittel
verdaulich zu machen, er besaß weder Salz, noch Gewürze, weder Zucker noch Wein
und Bier, von Thee, Kaffee und Ahnlichem ganz zu schweigen. Er lebte von Früchten
und Wurzeln, von Kerbtieren und Insekten, Eiern und Schaltieren; er mußte wochenlang
hungern können und verschlang dann übermäßige Mengen; er lernte nur sehr langsam
Vorräte sammeln und erhalten; ein körperliches und geistiges Dasein rohester Art ent—
prach dieser Art der Ernährung. Als er gelernt, Fische zu fangen, Knollengewächse und
BGetreide zu bauen, Wild zu erlegen, Tiere zu zähmen, zu schlachten und zu melken, hatte
er die schwierigsten Aufgaben der menschlichen Ernährung gelöst. Es begann nun für ihn
ein ganz anderes wirtschaftliches Leben: eine Sicherung desselben, wie er sie bisher nicht
zekannt, eine reichliche Versorgung, eine Möglichkeit der Bevölkerungszunahme, der
größeren Gemeinwesen, wie sie für die höhere Kultur nötig war. Und doch hörte die
Schwierigkeit der Ernährung nicht auf, weil auch für die Getreide- und Fleischerzeugung
Loße Flächen sowie eine immer geschicktere Arbeit und Technik nötig war, ihre rasche
Steigerung den größten Schwierigkeiten und Kosten begegnete. Sehen wir etwas näher
zu, wie die Getreide- und die Fleischnahrung nebeneinander sich ausbildete, sich ergänzte,
welche Art der Nachfrage damit entstand.
Die Graskörner und einige Wurzelfrüchte wurden mit dem Hack- und Ackerbau
das Hauptnahrungsmittel der meisten Menschen. Mit dem Getreide hatte man die am
eichtesten aufzubewahrende, die am besten zu schmackhaften Speisen verschiedener Art
zu benutzende und diejenige Nahrung, die am eheften auch für sich oder mit geringen Zu⸗