DAS KAFFEEHAUS IN SEINER HEIMAT ‚513
und Töchter gehen nicht ins Kaffeehaus und nicht ins Restau-
rant. Das geht gegen die spanische Tradition. Du sagst, du
habest schon viele Frauen in unseren öffentlichen Gaststätten
gesehen? Mein Allerwertester,“ lächelt der Hidalgo, „das sind
nicht unsere Frauen. Es sind entweder Frauen aus der ganzen
Welt, die jetzt liebenswürdigerweise als Globetrotter zu uns
kommen, oder es ist“ — sein Gesicht verzieht sich spitz-
bübisch — „es ist Halbwelt.“
Da wurde ich traurig. Was soll mir ein Kaffeehaus, in dem
die Krone der Schöpfung fehlt? Für mich ist die schönste Gast-
stätte erst dann wirklich schön, wenn weibliche Schönheit und
fraulicher Charme darin zu Gaste sind. Geduldig werde ich
noch ein wenig warten. Die Spanier reisen jetzt viel und gern.
Entfernungen spielen keine Rolle. Als ich Mitte August 1926 im
Angleterre und Park-Hotel in Davos weilte, wohnten dort
gleichzeitig nicht weniger als 21 Spanier, Mit Frauen und
Töchtern. Darunter Blüten Kastiliens von einem Reiz und einer
Schönheit, die einen Zwanzigjährigen rettungslos wahnsinnig
machen müssen. Ich war heilfroh, daß ich die Einundzwanzig
schon erreicht habe, also gefeit bin. Diese Frauen und Töchter
sah ich auch in der Diele und im Restaurant (sprich Hall und
Salle A manger) des Hotels. Die Damen fanden anscheinend
nichts dabei. Wenn alle diese im Ausland gewesenen Spa-
nierinnen in die Heimat zurückgekehrt sein werden, dann
wollen sie auch dort ins Kaffeehaus und ins Restaurant mit-
genommen werden. Ce que femme veut, Dieu le veut, sagt der
Franzose. Da der gebildete Spanier Französisch zu lernen
pflegt, wird er auch dieses Sprichwort bald gelernt haben.
Dann werde ich wiederum nach Spanien wandern. Vorher aber
heimlich zu Professor Steinach in Wien pilgern. Damit ich
wieder zwanzigjährig werde...
Wenn man mit offenen Augen durch Spanien reist, seine
reichen Schätze aus einer längst verklungenen Zeit bewundert,
so wehen unsichtbare Fäden nach Palästina hin, der Heimat
des Christentums. Auf Spaniens blutgetränktem Boden haben
sich die letzten schweren Kämpfe zwischen Islam und Christen-
lum abgespielt. In der Alhambra wird die Erinnerung an die
Maurenherrschaft, an die letzten der Abenceragen, wach. Inner-
halb der Mauern dieses Wunderschlosses umweht uns ein
Hauch des Orients. Darum ist es kein allzu kühner Sprung,
wenn ich den Leser nunmehr in ein Kaffeehaus nach Jerusalem