Full text : Der Wirtschaftsbetrieb als Betrieb (Arbeit)

1  i

mm

Die  organisatorische  Auswahl.

129

waltungsgebäude  der  Abteilung  Dortmunder  Union  der  Vereinigten  Stahlwerke  ziert:  „Es
lobt  den  Mann  die  Arbeit  und  die  Tat“ 1 .
Daß  die  Wirtschaftlichkeit  bei  den  Ausbildungsfragen  stark  mitspricht,  zeigen
die  verschiedenen  Auffassungen  über  die  Frage  der  produktiven  und  unproduktiven ­
  Lehrzeit.  Es  scheint,  als  ob  im  allgemeinen  der  Lohnausgleich  den  Aufwand
aufwiegt,  was  auch  aus  der  Begründung  der  Ausdehnung  der  Lehrzeit  auf  4  Jahre
bei  Humboldt-Deutz  A.-G.  gefolgert  werden  muß:  .  .  daß  der  Lehrling  zwar  in
zwei  Jahren  alles  für  seinen  Beruf  Erforderliche  gelernt  haben  kann,  daß  er  aber
erst  in  den  letzten  zwei  Jahren  die  dem  Werk  aus  seiner  Ausbildung  erwachsenen
Kosten  wieder  einbringen  und  kompensieren  kann 1  2 .“
Die  Erziehung  des  nicht  mehr  schulpflichtigen  Personals  stößt  allerdings  zuweilen ­
  auf  Schwierigkeiten,  die  einmal  in  der  fehlenden  Zeit  und  dann  —  in  der
hinter  uns  liegenden  Jahren  —  in  einem  gewissen  Mißtrauen  der  Betriebsangehörigen ­
  gegenüber  allen  von  Unternehmern  zur  Verfügung  gestellten  Kultur-  und  Bildungseinrichtungen ­
  3  beruhen.  Alle  unternehmerischen  Bestrebungen  in  dieser
Hinsicht  wurden  früher  von  den  Arbeitern  und  Angestellten  auf  das  Konto  der
Rentabilitätssteigerung  oder  das  Leitwort  It  pays  zurückgeführt.  So  blieben  im
wesentlichen  nur  schriftliche  und  mündliche  Dienst-  und  Verwaltungsanweisungen
übrig,  Lehrmittel  und  Lehrgänge 4 ,  Ausstellungen  oder  sonstige  Anregungen  des
Ehrgeizes  (Zettelkasten  usw.).  Bei  Angestellten  ist  die  Durchführung  von  besonderen ­
  Kursen  schon  eher  möglich,  da  ihre  Vorbildung  und  Denkrichtung  eine
weniger  passive  Haltung  bedingen.
Neben  der  eigentlichen  fachlichen  Weiterbildung  wird  neuerdings  vor  allem
die  Vorgesetztenkunst  gepflegt,  da  man  erkannte,  daß  erhebliche  Betriebsstörungen ­
  durch  schlechte  Menschenführung  hervorgerufen  werden  können.  Hier
hat  sich  seit  langem,  insbesondere  auf  dem  Gebiet  der  Schwerindustrie  und  Eisenverarbeitung, ­
  Professor  Friedrich  hervorgetan,  der  eine  große  Zahl  von  Vorträgen ­
  und  Bücher  über  Menschenführung  herausgegehen  hat  und  in  Schulungskursen ­
  seine  Wissenschaft  der  Praxis  unmittelbar  darbietet.  Friedrich  hat  diese
Kurse  neuerdings  in  Clausthal  für  Bergleute  durchgeführt.  Die  mit  der  Menschenführung ­
  im  Bergbau  betrauten  Personen  werden  in  mehrwöchigen  Lehrgängen  von
ihm  charakterlich  und  willensmäßig  im  Hinblick  auf  seine  Zielsetzung  zu  beeinflussen ­
  versucht.  Eine  Verbindung  beider  Ziele  der  Fachausbildung  und  Menschenführung ­
  stellen  die  Führerschulungskurse  in  den  Betrieben  dar,  wie  sie  beispielsweise ­
  in  Frankfurt  an  der  Universität  für  alle  deutsche  Banken  gemeinsam,  oder
aber  von  den  einzelnen  Betrieben  (Opel)  selbst  eingerichtet  wurden.
Die  Personalerziehung  im  Sinne  der  Gemeinschaftsarbeit  ist  eine  wesentliche
Aufgabe  organisatorischer  Auswahl.  Hier  schneiden  sich  betriebliche  und  überbetriebliche ­
  Zielsetzungen,  bis  in  die  Sphäre  der  Religion,  der  Philosophie,  der
Kunst  und  Volksbildung  (Theater,  Film,  Literatur)  gehen  die  Ausstrahlungen.
Sie  werden  jetzt  zusammengefaßt  durch  die  Deutsche  Arbeitsfront  und  die  NS-Gemeinschaft
  „Kraft  durch  Freude“,  die  den  einzelnen  Betrieben  Richtlinien  und
Unterstützung  bei  diesen  Fragen  geben  und  die  Lösung  auf  der  Grundlage  der
1  S.  hierzu  auch:  Dreyfuß:  Beruf  und  Ideologie  der  Angestellten.  Auf  dieses  Buch,  das
mit  einer  geradezu  unglaublichen  Einseitigkeit  das  Thema  behandelt,  soll  hier  ganz  besonders
hingewiesen  werden.  Jeder  UnternehmungJeiter  und  Personalchef  sollte  es  lesen,  damit  er
einen  Begriff  davon  bekommt,  wie  auch  die  bestgemeinten  Maßnahmen  verfälscht  und  verbogen ­
  werden:  ein  typisches  und  hoffentlich  lehrreiches  Beispiel  dafür,  daß  die  Pflege  der
Ideologie  vom  Betriebe  aus  ohne  Hilfe  von  außen  nicht  geleistet  werden  kann!
2  RKW-Veröff.  Nr.  87,  S.  111.
3  Vgl.  z.  B.  Zeitschrift  für  Waren-  und  Kaufhäuser  1928,  Nr.  1,  S.  10  und  vor  allem  das
soeben  angeführte  Werk  von  Dreyfuß;  ferner  die  Arbeit  von  Geck:  Die  sozialen  Arbeitsverhältnisse ­
  im  Wandel  der  Zeit.
4  Datsch-Lehrmittelzentrale;  Verkaufstechnik  bei  Leiser,  Berlin  1930,  u.  a.  m.
Prion,  Die  Lehre  vom  Wirtschaftsbetrieb.  III.  9

l

I
            
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.