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mülfen die Landwirt/HaftlidHen Arbeiten während des fehr langen und
‚auhen ruflilgen Winters beinahe volljtändig ruhen. Ohne die [ehr
ntwidelte Hausinduftrie mükte, nad) dem Ausfpruche eines rujlijdhen
Schriftitellers, „die Hälfte der ländliden Bevöllerung den größten
Teil des: Nahres müßig zubringen“ und Könnte die Steuern und
onjtigen Zahlungen nicht aufbringen. Auf dem Gebiete des Haus-
zewerbes hat der ruflilde Bauer eine große Fertigkeit erlangt, und
dieje Produktion erftredt fiH auf die verfhiedenartigjten Gegenjtände,
Die von den Tulafden Bauern angefertigten Samowars find in ganz
Rußland zu finden. Das Gouvernement Rjafan ijt bekannt durdh
bie Herftellung von Senfen, Filzgeweben, Bajtmatten und Spigen,
Jas Gouvernement Koftroma durch Textilwaren, Metallwaren und Filz
tiefel. Im Gouvernement Nijhnij Nowgorod befhäftigt fid) die Haus-
‘ndufjtrie vornehmlid mit der Herftelung von ver]hiedenartigen Holz-
gegen{tänden (Holzlöffel, Holzgefhirr, Böttdghereiarbeiten, Kijten, Spiel-
'acdhen ujw.), ferner mit Lein- und HandjHuhHweberei, Nekzflechterei u. a.
Eine bejonders große Bedeutung Hat die Hausindufjtrie naturgemäß
in den nördlidhen, weniger fruchtbaren Teilen des grokrufjlildgen Kerne
zebiets gewonnen; hier hat fie vielfad) die Bildung eines indultriellen
Proletariats vorbereitet. Zu erwähnen ijt, daß die Hausindultrie in
3Zentralrukland beinahe immer als Lohnarbeit auftrat, und daHz der
Bauer nur äußert felten feine Erzeugnijffe direkt für den Markt Her-
itellte. Der dörflide Hausinduftrielle befhäftigte in der Regel eine
Heine Anzahl von Lohnarbeitern und bildete das Zwildenglied zwiflden
jem Produzenten und dem [tädtifhHen Großhändler, der die Ware auf
ben Markt brachte. Eine fehr Häufige Erfheinung war, dak der Lohn-
arbeiter der dörfliden Hausinduftrie feinen AUnteil am Gemeindeland
verpachtete, und dies führte nun zur Bildung eines dörflidhen, nicht
landwirt/haftlidHen Proletariats, was ia durch die Mirverfallung gerade
vermieden werden folte.
Die voliswirt/dhaftlide Bedeutung der ländliden Hausinduftrie
darf nicht unter[Häßt werden, denn, wie erwähnt, fanden nur dank
ihr große Teile der Iandarmen BauernfHaft eine Exijtenzmöglichkeit.
Nber mit der Ausbildung und Verbreitung der mafdhinellen Groß:
induftrie wurde das KHausgewerbe immer mehr zurüdgedrängt und
die Jandwirt/hHaftliHe Bevölkerung gezwungen, in den Fabriken, die
ihnen beffere Verdienftmöglidhkeiten bieten konnten, ihr Brot zu fuchen.
Eine weitere wichtige Erwerbsquelle für die großrulfijghe Bauern-
[Haft bildete das Wandergewerbe. Wenn die landwirtihHaftliHen Satfon-
arbeiten erledigt waren, begab der Bauer fidH vielfad) auf Wander.
idaft, um als Zimmermann, Tijdler, Fabhrikarbeiter, aber au auf
oielen anderen Gebieten fein Brot zu finden. Ia, Häufig wurde die
Beritelung des Anteillandes ausichliekliH der Frau und den Kindern