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Der Interventionismus an den Universitäten
Auf Charles Gide kommen wir im zweiten Kapitel des
III. Buches ausführlicher zu sprechen. Von Charles Bist ist
dagegen noch an dieser Stelle einiges zu sagen. Bist kokettiert
mit der mathematischen Methode 1 ). Er strebt, wie Landry,
nach der reinen Ökonomik und pocht mit großem Nachdruck
auf die Existenz universeller und permanenter Naturgesetze der
Volkswirtschaft. Mit dem Interventionismus macht er, was
Lerò y-Beaulieu mit dem Freihandel macht : er spricht ihm
den Charakter einer grundlegenden Anschauung ab. Der Inter
ventionismus ist für ihn lediglich eine Norm, zu der man von
den entgegengesetztesten Grundsätzen aus gelangen kann.
Übrigens hängt nach Bists Anschauung die Lösung der Inter
ventionsfrage keineswegs von volkswirtschaftlichen Gesichts
punkten allein ab, sondern auch von politischen : von der Auf
fassung, die man vom Interesse der Allgemeinheit hat und von
dem Vertrauen, das die bestehende Begierungsform in jeder
Epoche und in jedem Lande besitzt 2 ).
Charles Turgeon, Professor in Bennes, hat den Lehrstuhl
für Geschichte der volkswirtschaftlichen Lehren inne. In einem
methodologischen Aufsatz über dieses Wissensgebiet 3 ) gibt er
Schule den Ostrazismus gegen ihre Gegner erneuern wollen, unter dem sie
einst selbst gelitten? Wir in Frankreich können uns nicht schmeicheln, viel
weniger exklusiv gewesen zu sein. Die Gleichgültigkeit und selbst die Feind
schaft, die man lange für die mathematische Schule bei uns hatte, gereicht uns
nicht besonders zur Ehre. Übrigens hat sich der Sozialismus die Intoleranz, die
man der .bürgerlichen' Volkswirtschaftslehre mit so viel Recht vorgeworfen hat,
in nicht geringerem Maße zuschulden kommen lassen. Als die marxistischen
Theorien von gewissen Marxisten angegriffen wurden, kamen jenen Verteidiger
zu Hilfe, die sich nicht weniger autoritär und unversöhnlich zeigten, als die des
Liberalismus gewesen waren, als dieser sich durch neue Tendenzen bedroht
glaubte. Wenn sich darum eine Lehre aus der Geschichte der wirtschaftlichen
Anschauungen ergibt, so ist es die, daß es notwendig ist nie aufzuhören, die
erworbenen Wahrheiten mit kritischem Sinn zu kontrollieren und neue Beob
achtungen und Erfahrungen wohlwollend aufzunehmen, um das Gebiet der Volks
wirtschaftslehre ohne Unterlaß zu erweitern und zu vertiefen.“ Gide et Rist,
loc. eit., p. 737.
1 ) Siehe die Artikel von Rist in „Revue de Métaphysique et de Morale“
1904, 1907, 1908.
2 ) Ch. Rist, Origine et caractères du socialisme d’Etat, in „Revue d’éco
nomie politique“, 1907, p. 321 ff.
3 ) Charles Turgeon, Introduction à l’histoire des doctrines économiques, in
Revue d’Economie politique, 1906 p. 505 ff.