Bildende Kunst und Musik.
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ganze Literatur von kunstgeschichtlichen Darstellungen, in denen
die Gesichtspunkte der Ausdrucksmittel, der Technik, des künstle—
rischen Inhalts ohne ein Wort der Aufklärung über ihr gegen—
seitiges Verhältnis in bunter und willkürlicher Abwechslung
zum Verständnis der künstlerischen Entwicklung herangezogen
werden?
Gewiß soll jedes Bild, wie jedes Kunstwerk, etwas Be—
stimmtes ausdrücken, vom philosophischen Gedanken bis zu
einer individuellen Licht- oder Formstimmung. Und dabei
braucht der Inhalt dem Bilde keineswegs unmittelbar ein⸗
verleibt zu sein; es gibt auch Bildideen, die erst dadurch
wirksam werden, daß sie eine außerhalb der bildlichen Dar—
stellung liegende Ideenassoziation wecken; auch das Bedürfnis
der Novellistik wie der Dogmatik wie der Darstellung jedes
anderen Gedankenkreises kann im Bilde Befriedigung suchen.
Aber kann dieser Inhalt auf irgendeinem anderen Wege an—
schaulich werden als auf dem der Anwendung der künstlerischen
Ausdrucksmittel? Sie allein bilden doch auch hier die Brücke
zum Kunstwerk; in ihrer Geschichte spiegelt sich daher dennoch
aller kunstgeschichtliche Einfluß des Inbhalts der Kunstwerke
wider.
Dabei kann dieser Einfluß an sich groß genug sein. Unter—
scheidet man z. B. in der Entwicklung der Malerei seit dem
15. Jahrhundert zwischen der Schwarz⸗Weiß- oder Griffelkunst,
der Wandmalerei oder Raumkunst und der eigentlichen Bild—
kunst, wie Max Klinger es tut, so versteht sich, daß diese
Dreispaltung, wie sie mit ihrer verschiedenartigen Bestimmung
der Bilder wenn nicht durchweg, so doch vielfach auf deren
besonderen Inhalt zurückgeht, auch auf die Entwicklung der
Ausdrucksmittel von Bedeutung gewesen ist.
Und berührt man dieselbe Dreispaltung vom Gesichts—
punkte der Technik aus, so läßt sich nicht leugnen, daß, während
die Wandmalerei sich auch weiterhin früher schon bekannter
Maltechniken bediente, die Bildkunst vornehmlich der Olmalerei,
die Griffelkunst vornehmlich der Entwicklung der Druckverfahren
ihren gewaltigen Aufschwung verdankt. Und es ist klar, daß