Object: Lebenserinnerungen

gestalten. Zehn Jahre waren seit dem Lode meiner Mutter ver 
gangen, als ich die Linsamkeit aufgab und mich verlobte und bald 
auch heiratete (1882). Ich habe meine Trau, Irene passow, kennen 
gelernt, als sie mit ihrer Mutter und mit ihrem füngeren Bruder nach 
Jena übersiedelte. Line persönliche Beziehung ergab sich zunächst 
durch die Bekanntschaft mit dem Hause Leebeck, mit dem das Haus 
paffow verwandt war. Meine Lchwiegermutter war als Lochter des 
hervorragenden Ürchäologen Ulrichs in Llthen geboren; ihre Mutter, 
eine prächtige und charaktervolle Lrau, hakte sich nach dem frühen Tod 
ihres ersten Mannes mit einem Lohn des bekannten Bürgermeisters 
Lmidt, des Begründers von Bremerhaven, dem dichter Lmidt ver 
heiratet; fo ergaben sich vielfache Beziehungen zu angesehenen Bremer 
Lamilien, auch der bekannte Ltaatsmann, Lchriftsieller und Über 
setzer Otto gildemeisier gehörte diesem Kreise an. Die Mutter 
meiner Lrau war eine sehr geistvolle und unermüdlich tätige Lrau; 
sie hatte ihren Mann, den gpmnasialdirektor passow, früh ver 
loren; nach Bremen übersiedelt, hat sie sich namentlich schrift 
stellerisch betätigt, im besonderen viel für die Weser-Zeitung ge 
wandt und fesselnd geschrieben; sie ist dann im Interesse der ge- 
sundheit ihres jüngeren Lohnes nach Jena gezogen und hat das 
dortige geistige Leben voll geteilt, weiter aber eine sehr geschätzte 
Wirksamkeit für Wohltätigkeit und Kinderheime entfaltet. Obwohl 
sie eine eigene Wohnung hatte, nahm sie tagtäglich an dem Lr- 
gehen unseres Hauses regen Leih und sie hob das Leben unseres 
Kreises in herzlicher und liebenswürdiger Weise. Meine Trau aber 
war nicht fachgelehrt, sie gehörte nicht zu den gelehrten Trauen, aber 
sie war voll geistiger Interessen und von einer ausgeprägten künst 
lerischen Begabung; mit diesen verband sie ein grostes praktisches 
und organisatorisches geschick. Das war nicht nur für mein Leben, 
sondern auch für mein philosophisches Denken ein groster gewinn: 
es gewann dadurch mehr Anschaulichkeit und mehr Trische. Wir 
sind dann bald nach einer hochgelegenen Billa gezogen, die nament 
lich in früherer Zeit, bevor die wachsende Tabriktätigkeit das Leben 
einengte, eine ländliche Stille sowie einen herrlichen Blick auf Jena 
und auf das Laaletal gewährte. Lpäter erwies es sich als groster 
Vorzug, dast unsere heranwachsenden Kinder sich in voller Treiheit 
bewegen und doch zugleich die güter der nahen Ltadt geniesten 
konnten. Buch haben wir in der Villa Zeine, wie sie damals hiest, 
manche fröhliche, dabei einfache gefellfchaft gegeben, im besonderen 
auch manche Ltudenten aus verschiedenen gegenden und Ländern 
bei uns gesehen, die oft mit Treude und Dankbarkeit des Zusammen 
seins gedachten. Ls herrschte dort eine wohltuende und liebens 
würdige Ltimmung, gelegentlich wurden auch gesellschaften künst 
lerischer Art veranstaltet.
	        
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