Full text: Das Retablissement Ost- und Westpreußens unter der Mitwirkung und Leitung Theodors von Schön

erinnern müssen, die er in Ostpreußen vorfand. Man denke an die revo 
lutionären Vorschläge des Generallandtages von 1823! Schön hatte die 
Nerven, durchzuführen, was andere nur wünschten, aber nicht wagten, 
und in dieser verzweifelten Lage mH Gift zu operieren. Er hat die Krankheit 
zu einer akuten Krisis gebracht, um sie so zu heilen; ohne sein energisches 
Handeln wäre der Wirtschaftskörper der Provinz wohl kaum so rasch ge 
sundet. Unzweifelhaft hat er dabei auch nianches lebensfähige Organ 
Zerstört. Das Ungestüm, mit dem er die Dinge überstürzte, die Starrköpfig 
keit, mit der er allen Warnungen zum Trotz den einnial eingeschlagenen 
Weg verfolgte, haben schädlich gewirkt. Die Neigung, nach festen, unab 
änderlichen Grundsätzen zu handeln, erschwerte es Schön, sich den wechseln 
den Verhältnissen anzupassen und aus der Erfahrung zu lernen. Offen 
sichtlich hat ihn auch jener radikale Gedanke beeinflußt: daß man „tabula 
rasa machen", alles Ungesunde ausbrennen und ausschneiden müsse, um 
neuen kräftigeren Existenzen Raum zu schaffen. 
Diese Strenge richtet sich aber nicht etwa gegen einen bestimmteil 
Stand allein, sondern gegen die wirtschaftlich Leistungsunfähigeil jedes 
Standes, seien es Bauern, seien es Gutsherren, und sie paarte sich mit 
werktätiger Förderung des gesunden Stanimes jeder Klasse. Jener Vor 
wurf einer unerhörten Ungerechtigkeit gegen die Großgrundbesitzer, die 
Schön nach der traditionellen Darstellung, wie sie sich in Bismarcks Rede 
widerspiegelt, an den Tag gelegt haben soll, findet in den Akten keine 
Bestätigung. Die Behauptung, daß Schön sich bei Einleitung der Sub- 
hastationell von einer inneren Feindschaft gegen den Adel habe bestimmen 
lassen, wird schon dadurch widerlegt, daß er zu derselben Zeit in der Frage 
der Auseinandersetzung zwischen Gutsherren und Bauern die ersteren, 
wie wir noch sehen werden, durchaus begünstigte. Er hat sein ganzes Leben 
hindurch daran festgehalten, daß die Tage der politischen und sozialen 
Privilegien des Adels gezählt seien, und daß er sich nicht kastenartig ab 
schließen dürfe von den übrigen Ständen. Aber seine wirtschaftliche 
Stellung, sofern er sie sich nicht durch Uutüchtigkeit verscherzte, hat 
Schön nicht antasten wollen. Schon beim Streit über das Regulierungs 
edikt frondierte er mit den Gutsherren gegen die Regierung, und au ihrer 
Seite fanden wir ihn auch im Kamps um die Verteilung der Retablissements 
gelder. Damals bekehrte er sich zu der Anschauung, daß die Erhaltung eines 
festen Stanimes von Landeigentümern politisch notwendig sei. Angesichts 
des Notstandes in Ostpreußen wurde ja gar manche Stimme laut, die den 
Grund des Übels in dem Überwiegen des Großgrundbesitzes sah; unter den 
Verfechtern dieser Meinung findet sich kein Geringerer als der Ostpreuße 
*) Vgl. Hasse S. 136.
	        
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