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Weltanschauung
ein rein naturalistisch-impressionistisches Ideal des Menschen;
der Übermensch seiner späteren Zeit soll dann mit allen Lebens—
formen der Wirklichkeit vertraut sein, sie ganz mit dem voll—
kommensten Reichtum an Reaktionsgefühlen auf Eindrücke um—
fassen, sie restlos in sich einschlürfen können, um sie zu be—
herrschen. Führend wurde Nietzsche dabei geradezu in der
Entwicklung der freien lyrischen Rhythmen; schon in den
achtziger Jahren, in den letzten Zeiten seiner freien und großen
Schöpferkraft, vor allem im „Zarathustra“ (seit 1881), hat er sie
glänzend ausgebildet. Freilich nicht ohne Vorbilder und fremde
Beihilfen, die festzustellen eine der lehrreichsten Aufgaben
moderner Sprach- und Stilgeschichte sein wird, vor allem aber
doch selbständig als ein Günstling unserer Sprache, die ihn
mit Gnadengaben überschüttete: er hat von sich sagen dürfen,
daß ihn mit der deutschen Sprache eine lange Liebe, eine
heimliche Vertrautheit, eine tiefe Ehrfurcht verbinde.
Im übrigen wies ihn die Anlage seines Denkens und
Empfindens, zumal in der späteren, schwer nervösen Zeit,
ebenso auf den Aphorismus, wie der Zusammenhang mit der
Entwicklung der Dichtung. Denn die bezeichnende Form der
denkhaften Prosa des Impressionismus ist eben der Aphoris⸗
mus: Eindruck wird neben Eindruck gesetzt und oft wohl gar
nur mit Überlegung gemischte Stimmung gegen Stimmung:
sie alle, Stimmungsinhalte wie Eindrücke, nur beruhend auf
der Gleichheit der Herkunft von derselben Persönlichkeit, im
übrigen jeder vom anderen verschieden, jeder sein Thema bis
in die äußersten Denkmöglichkeiten verfolgend — und darum
unter sich nicht in systematischem Zusammenhang und logischer
UÜbereinstimmung. Es ist wie eine moderne Musik mit ihrem
Reichtum ungelöster Dissonanzen, der nur durch einen Orgelton
zusammengehalten wird: hinter den dissonierenden Teilen des
Gesamtgehalts steht nichts als die Persönlichkeit des Verfassers.
Aber Nietzsche blieb nicht, was er um 1880 war, natura—
listischer Impressionist. Von der „Morgenröte“ (1881) an,
entschiedener schon seit der „Fröhlichen Wissenschaft“ (1882)
ging er von dem mehr beobachtenden, mehr wissenschaftlichen.