106
Weltanschauung.
dunkel geahnt hat, spricht Stein offen aus: zu einer Zeit —
Steins Buch „Helden und Welt“ erschien 1888 —, da die
Erfüllung, ein neues ästhetisches Zeitalter, das eine ethische
Revolution begann, schon nahe herbeigekommen war.
Denn wieder einmal erstand in unserer Entwicklung der
alte Zusammenhang zwischen Asthetisch und Ethisch, zwischen
Phantasiethätigkeit und Gewissen, der den Germanen so eigen⸗
tümlich und den Romanen im allgemeinen so fremd ist. Oder
wo hätten ihn z. B. die Franzosen in den letzten Jahr—
hunderten besessen, außer in ihrer Schopenhauerschen Periode
nach 1870, und das heißt unter deutschem Einfluß? Man
weiß es, die germanische Kunst ist eine Charakterkunst, eine Kunst
zugleich des Individuellen und Substantiellen, die romanische
mehr eine Formalkunst: schon diese banal gewordene Beobachtung
genügt, um den engen Zusammenhang zwischen Ethik und
Asthetik zu erklären überall da, wo die germanische Zunge er—
klingt „und Gott im Himmel Lieder singt“.
Daher hat denn die Entwicklung des deutschen Regene—
rationsgedankens auch ihre Parallelen vor allem in anderen
germanischen Ländern, so in Skandifavien und England,
freilich mit den für diese Nationen charakteristischen Unter—
schieden. In England wirkten fast noch vor Wagner und
Gutzkow Carlyle und Ruskin, und Ruskin trat seit etwa 1860
unmittelbar als Nationalökonom und Gesellschaftsverbesserer
auf, wußte für seine Reformgedanken gewaltige materielle Mittel
flüssig zu machen und leitete aus einer intensiven volkstüm—
lichen Verbreitung des Kunstgeschmacks, der er den größten
Teil seiner Zeit widmete, die praktische Hoffnung ab, die
Lehren einer neuen Religion der Schönheit und einer sittlich
schönen, ja wirtschaftlich schönen Lebensführung vorzubereiten.
In Skandinavien aber ward Ibsen in seinen Dramen der
Träger einer weit in die Zukunft weisenden sittlichen Lebens—
anschauung, die zuerst in dem letzten Werke seiner ersten Periode,
in „Kaiser und Galiläer“ (1873) vollströmend hervorbricht. Da
erscheint der Glaube an ein „Drittes Reich“, ein Paradies der
Zukunft, in dem aus Griechentum und Christentum die Einheit