VII. Die Entstehung des modernen Kapitalismus. 471
höhere Beamte erwerben Vermögen durch ihre Gehälter. Wich-
tiger noch ist es, daß die Hoheitsrechte in die Hände der Beamten
bezw. der Großen des Landes übergehen. Von einer gewissen
Zeit an geschieht dies in einer neuen Form: der Staat verpach-
tet oder verpfändet die öffentlichen Gefälle an Waren- und
namentlich Geldhändler. „Damit tritt eine neue Menschen-
klasse an Stelle der alten, feudalen Funktionäre: eine Klasse . . .
von Bourgeois, von Finanzleuten. Diese Verbürgerlichung der
ehemal? feudalen Finanzverwaltung ist eine allen Ländern
während des Mittelalters gemeinsame Erscheinung.“1) Die
gleiche Rolle spricht Sombart den Waren- und Geldhändlern
gegenüber den von ihm sogenannten Grundherren zu. Er sagt:
„Es ist die bedeutfame historische Mission der Geldleihe oder,
geradezu gesprochen, des Wuchers gewesen, das moderne kapi-
talistische Wirtschaftswesen dadurch vorzubereiten, daß durch
seine Vermittlung in großem Umfange feudaler Reichtum in
bürgerlichen transformiert worden ist.“ Und zwar schätzt Som-
bart diese Art der Kapitalakkumulation außerordentlich hoch,
unter den Arten der Besitzübertragung sogar am höchsten.
Allein seine Behauptungen sind auch hier wieder von vorn-
herein hinfällig infolge seiner unglücklichen Kategorie „Grund-
herren“. Er setßt auch hier wieder „feudalen Reichtum“ als
identisch mit Reichtum aus Großgrundbesit. Er läßt Kapital
entstehen durch die Auswucherung des Landbesitzes und berück-
sichtigt nicht, daß die reicheren unter den sogenannten Grund-
herren Staatshäupter waren, auch öffentlich-rechtliche Ein-
nahmen hatten und darunter jolche aus städtischen Verhältnissen?).
!) Eine Einschränkung ist hier insofern zu machen, als Verpfän-
dungen von Hoheitsrechten, insbesondere der Verwaltung der terri-
torialen Amtsdistrikte in sehr großer Zahl an Ritterbürtige, also ,„feu-
dale Funktionäre“ stattfanden. In Deutschland sind Hoheitsrechte
an Bürger hauptsächlich nur in den Städten verpfändet worden.
Wenn Bürger landesherrliche Münzen pachteten, bezw. erwarben,
so ist zu berücksichtigen, daß die Münze in den Städten besonders nut-
bar wurde. Val. übrigens oben S. 365 und unten Nr. IX.
2) An ssich ist es ja vollkommen richtig, daß im Mittelalter viel