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aufgenommen sind. In diesen Zeiten der Krise findet der Arbeiter auch einige
Hilfsquellen in dem Kredit, den der Hauseigentümer und die Nahrungsmittel-
Lieferanten gewähren.
Aus dieser Darstellung würde sich ergeben, daß das Arbeits
verhältnis in Solingen im allgemeinen friedlich war, dank dem weit
gehenden Entgegenkommen von beiden Seiten, und daß auch heftige
Konjunktur-Schwankungen ziemlich leicht ertragen wurden. Aber
diese Darstellung stimmt nicht überein mit Nachrichten aus deutschen
Quellen, aus denen vor allem hervorgeht, daß das „Trucksystem“
in Solingen stark entwickelt war 1 ):
Schon im Jahre 1822 hatte der Landrat von Hammer versucht,
das Trucksystem zu beseitigen. Dies war nicht gelungen. Noch
im Jahre 1845 besaßen in Solingen von 68 „Fabrikanten“ 42 einen
Laden und 8 eine Schankstube. Bares Geld bekamen die Arbeiter
kaum zu sehen; hatten sie es nötig, so mußten sie die hoch ange
rechnete minderwertige Ware zu billigem Preise an andere ver
kaufen. Alle Vorschläge der Arbeiterschaft zu einer festen Regelung
der „Preise“ und zu einer Warenkontrolle wurden von der Regierung
abgelehnt, weil sie der Gewerbefreiheit widersprächen, und ein Ver
bot des Warenzahlens für nicht dringlich erklärt, da das Gewerbe
nicht fabrikmäßig betrieben werde. Die Tumulte der Arbeiter
wurden mit Waffengewalt niedergeschlagen. Das Solinger Kreis
blatt von 1847 bringt in diesen Jahren häufige und heftige Klagen
gegen das Warenzahlen; als dessen Folgen werden bezeichnet:
Armut und zugleich Verschwendung, vor allem schlechte Fabrikation.
Die Sitten Verwilderung und der Leichtsinn nahmen überhand; die
Armenlasten wurden für die Stadt immer drückender, und es er
gingen mannigfache Anregungen zur Untersuchung der Ursachen
des Umsichgreifens der öffentlichen Armut. Ein Unterstützungs
verein ließ an die armen Kinder mittags Essen verteilen; um den
Schulbesuch regelmäßiger zu gestalten, wurde ersucht, bettelnden
Kindern nichts zu verabreichen.
Von all diesen Umständen, die das Niveau der Solinger Arbeiter
schaft herunterdrückten, erwähnt Le Play nichts. Allerdings war
schon im Jahre 1849 das Warenzahlen gesetzlich verboten und mit
500 Tlr. Strafe bedroht. Aber im Jahre 1851, als Le Play in
Solingen war, hatte das Warenzahlen noch nicht aufgehört, weshalb
*) Vgl. Thun a. a. 0., ferner Braunschweig, Die Solinger Stahlwaren-
Industrie (Diss.) 1911, aber auch die zeitgenössischen Handelskammerberichte und
Zeitschriften.