Full text : Frédéric Le Play in seiner Bedeutung für die Entwicklung der sozialwissenschaftlichen Methode

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der  Landrat  dringend  auf  das  Verbot  vom  Jahre  1849  hinwies 1 ).
Selbst  wenn  zur  Zeit  Le  Play’s  solche  Zustände  nicht  mehr  existiert
hätten,  so  wäre  es  doch  unumgänglich  nötig  gewesen,  auf  diesen
Krebsschaden  der  Vergangenheit  hinzuweisen.  Es  findet  sich  aber
nicht  einmal  eine  Andeutung  davon  bei  Le  Play.  Wohl  werden
einige  Schäden  oberflächlich  erwähnt,  so  z.  B.  stellt  er  es  als  eine
Solinger  Gewohnheit  hin,  keine  Ersparnisse  zu  machen,  wobei  er
aber  nicht  untersucht,  woran  das  liegt.  Gewiß  erschwerten  die  geschilderten ­
  Verhältnisse  das  Sparen;  doch  blieb  es  das  Ziel  des
Solinger  Arbeiters,  ein  kleines  Häuschen  mit  etwas  Land  als  Eigentum ­
  zu  haben.  Auch  der  beschriebene  Aufschläger,  der  zu  Le  Play’s
Zeit  zur  Miete  wohnte,  hat  später  ein  eigenes  Haus  erworben,  als
ihm  die  Verhältnisse  zu  sparen  gestatteten.  Der  frühere  Fabrikant  W.
erzählte  dem  Verfasser,  daß  die  Arbeiter  ihr  Geld  zinslos  beim
Arbeitgeber  stehen  ließen,  weil  sie  es  dort  gut  aufgehoben  glaubten
und  sich  nur  so  viel  holten,  wie  sie  nötig  hatten.  Solche  Guthaben
erreichten  manchmal  die  Höhe  von  10000  M.  Es  ist  also  auch  nicht
richtig,  von  einem  gewohnheitsmäßigen  Nichtsparen  zu  sprechen.
Wenn  Le  Play  es  so  darstellt,  als  ob  die  ungünstigen  Konjunkturen ­
  durch  die  Fürsorge  der  „Fabrikanten“  ziemlich  unschädlich ­
  gemacht  worden  wären,  so  entspricht  auch  das  nicht  ganz  den
tatsächlichen  Verhältnissen.  In  nennenswertem  Umfange  ist  wohl
früher  nie  auf  Lager  gearbeitet  worden,  besonders  nicht  in  der
Waffenfabrikation,  wo  selbst  heute  nur  bestellte  Ware  hergestellt
wird,  weil  der  Fabrikant  bei  der  Verschiedenartigkeit  der  Modelle  nie
weiß,  ob  er  später  seine  Ware  noch  los  wird.  So  ist  also  die  Waffenfabrikation ­
  heute  noch  bedeutend  größeren  Schwankungen  ausgesetzt
als  die  Messer-  und  Scherenfabrikation,  die  um  die  Mitte  des  vorigen
Jahrhunderts  auch  ganz  von  den  jeweiligen  Aufträgen  abhängig
war.  Es  gab  kaum  ein  Mittel,  die  Konjunktur-Schwankungen  auszugleichen. ­
  So  schreibt  die  Handelskammer  im  Jahre  1846:
Es  ist  ein  wahrhaft  herzzerreißender  Anblick,  bei  der  jetzigen  Teuerung
täglich  eine  Menge  sonst  fleißiger  Arbeiter,  denen  man  teils  schon  den  Hunger
und  den  Kummer  auf  dem  Gesicht  ansieht,  von  einem  Fabrikanten  zum  anderen
wandern  zu  sehen,  die  unter  dem  Anerbieten,  sich  alles  gefallen  lassen  zu
wollen,  um  Arbeit  gleichsam  betteln,  ohne  daß  ein  Fabrikant  auch  beim  besten
Willen  ihren  Ansprüchen  willfahren  kann 2 ).

J )  Solinger  Kreis-  und  Intelligenzblatt,  Jahrg.  1851,  Nr.  28.
2 )  Braunschweig  1.  c.  S.  17.
            
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