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Sweiundzwanzigstes Buch.
die wesentlichen Züge der Handlung, jener schönsten aller Ver—
herrlichungen der Frauentreue, schon als im Bereiche der eigenen
Stimmungswelt jedes Zuhörers und Zuschauers liegend be—
trachtet; das Allgemeinmenschliche tritt hervor und ergreift mit
ganz anderen Akzenten als die objektivere Instrumentation der
Handlung bei Mozart. Und hiermit, bei einer idealisierenden
Charakteristik der einzelnen Personen, hält die Kunst Beethovens
nicht inne. Weiter vor dringt sie zur Wiedergabe der Gesamt—
stimmung sowohl der Einzelpersonen wie der ganzen, das Stück
umfassenden Umwelt. Wie ist doch die Leidensstimmung, in
der wir uns den Gemahl Leonorens vorstellen müssen, ohne ihn
lange Zeit hindurch gesehen zu haben, von vornherein vor—⸗
gebildet und später, da wir ihn sehen, vertieft durch die Klagen,
mit denen der Gesang der Gefangenen unser Herz erschüttert!
Es ist eine Anwendung der Milieuschilderung von keuschester
und zugleich vollkommenster Ursprünglichkeit. Und dieser Zug
steht nicht allein; völlig durchwebt ist die Oper mit verwandten
Motiven.
So konnte auch ihr musikalischer Stil nicht der alte
bleiben. Schon begann sich die orchestrale Begleitung des Ge—
sanges zu symphonischer Kraft und zyklischem Zusammenhange
auszuweiten, und wurden auch die alten Gesangsformen der
italienischen Oper noch nicht völlig gesprengt, so erlitten sie
doch eine Einordnung in die Gesamtheit des musikalischen Ge—
füges, die den Singstimmen nach der Auffassung der Zeit nicht
selten Gewalt tat.
Unter diesen Umständen ist leicht zu begreifen, daß die
Oper trotz der elementaren Gewalt, mit der sie die Herzen
erfaßt, bei ihrer ersten Aufführung im Jahre 1803 durchfiel.
Im Jahre 1814 war dann, nach einem etwas guünstigeren
Schicksale im Jahre 1806, ihre Wiederaufnahme zwar von
Erfolg begleitet; aber in ihrer vollen Bedeutung erkannt und
anerkannt wurde sie doch erst 1822, als die Rolle der Leonore
in der Schröder-Devrient einer Dolmetscherin von außer—
ordentlicher Begabung zufiel.
Es waren die Zeiten, da der alternde Meister am Aus—