390 VI. Großhändler und Kleinhändler im deutschen Mittelalter.
den die gesamte städtische Wirtschaft und Sozialpolitik verfolgt:
die mittleren Betriebe zu fördern, die zu großen zu hindern!).
Ein verwandtes Verhältnis wie die Schiffsbauten zeigen die
Hochbauten. Zunächst ein Wort über den Anteil der Geistlichen
und der Laien an ihnen. Ohne Zweifel hat es Geistliche gegeben,
die in vollem Umfang eine Baumeisstertätigkeit ausgeübt haben;
aber die Regel bildeten sie nicht. Die technische Leitung der
Bauten lag in der überwiegenden Mehrzahl der Fälle in der
Hand von Laienbaumeisstern. Von diesen sind zu trennen die
directores oder magistr1i fabricae, welche hauptsächlich das Ma-
terial und die Geldmittel beschafften, mit der technischen Lei-
tung des Baues aber nichts zu tun hatten. Als solche directores
kommen die geistlichen und weltlichen Herren und die städtischen
Verwaltungen, welche Bauten ausführen lassen, in betracht.
Wer aber sind die Laienbaumeister? Die stattlichen und kunst-
vollen Dome und Rathäuser des Mittelalters sind nicht von
Architekten, sondern von Handwerksmeistern gebaut worden.
Und „Meister, welche wohl zur selbständigen Leitung einer
Hütte und eines Baues befähigt, aber augenblicklich nicht zu einer
solchen berufen waren, traten unbedenklich als einfache Arbeiter
in die Reihe der anderen Hüttenmitglieder (der Bauhütte)'?).
Der Meister, der die Leitung und Beaufsichtigung des Baus
hatte, verrichtete auch Steinmetarbeit wie die Gesellen, arbeitete
gelegentlich auch auswärts. Auch die Plastik ist auf dem Boden
des Steinmeßhandwerks, nicht in der Klosterzelle erwachsen.
Wenn man so bei aller Anerkennung, die man dem Mäzenaten-
tum der geistlichen und weltlichen Herren, besonders der geist-
lichen, ferner den mannigfaltigen Anregungen, die von ihnen
ausgingen, zollen wird, doch festzustellen hat, daß die Baumeister
überwiegend Laien und zwar Handwerksmeister waren, so bleibt
freilich ein Spielraum für das Urteil über das Maß, in dem hier
alles Können und Wissen Gemeinschaftstönnen und Gemein-
schaftswissen war. Ganz gewiß sind die hervorragendsten Bauten
1) Dänell, Blütezeit II, S. 376 ff. Vogel a. a. O. S. 549 ff.
?) J. Neuwirth, Gesch. der bildenden Kunst in Böhmen I, S. 325.
Beissel, Die Bauführung des Mittelalters (2. Auft. 1889) I, S. 114.