392 VI. Großhändler und Kleinhändler im deutschen Mittelalter.
jenigen, welche diese Verbindung darstellen, sind gerade besonders
häufig die Gewandschneider und Krämer Der Kleinhändler
übt den Großhandel im Nebenberuf aus. Nun ist freilich die
scheinbar einfache Frage, was bei den einzelnen Personen Haupt,,
was Nebenbeschäftigung sei, keineswegs leicht zu beantworten!).
Bei den meisten von denen, die beides verbanden, ist ohne Zweifel
der Kleinhandel die Hauptsache gewesen, bei andern gewiß der
Großhandel, und. bei manchen von diesen wohl so, daß sie nur
ganz nebenbei den Kleinhandel betrieben, als etwas, dessen Ertrag
nicht gerade zu verschmähen sei. Viele aber sind sich ohne
Frage selbst nicht darüber im klaren gewesen, was ihnen das
wertvollere sei, weil sie aus beiden etwa den gleichen Nupyen
zogen). Jedenfalls aber haben wir bei dieser Abschätung nochmals
an den Eindruck zu erinnern, den wir aus den Urkunden
gewannen, daß nämlich das Mittelalter. den Kleinhandel außerordentlich
hochschätte. Die Berechtigung für ihn ward aufs
eifrigste erstrebt. Der Patrizier hielt es nicht für eine Schande,
Gewandschneider zu sein. Wir fanden ferner innerhalb der organisierten
städtischen Kaufmannschaft keine Großhändlergilden.
Wenn viele Kaufleute Groß- und Kleinhandel trieben, so bildete
sich die heimische Kaufmannschaft doch nach dem Kleinhandel,
nicht nach dem Großhandel. Wir können etwa sagen: auch der
Inhaber eines ansehnlichen Importhauses glaubte in der Regel
nicht auf seine Kosten zu kommen, wenn ernicht in seiner Heimat
das Recht zum Kleinhandel erwarb. Die Händler, die wesentlich
nach auswärts Handel trieben, legen den höchsten Wert darauf,
auswärts auch den Kleinhandel ausüben zu dürfen. Und
unter diesen Händlern finden sich viele Kleinhändler und Hand-1)
Vergl. W. Tröltsch, Hist. Vierteljahrsschr. 1900, S. 135. Keutgen
meint, daß wir uns mit der Frage nach einem Großkaufmannsstand
auf das Gebiet der Imponderabilien begeben (Hans. Gbl. 1901,
S. 118).
2) Über die Verbindung von Groß- und Kleinhandel noch bei
Engroshandel großen Stils s. Apelbaum a. a. O.S. 9 und S. 70 ff.
Auch große Handelshäuser betreiben den Kleinhandel: K. Th. v.
Jnama-Sternegg, Deutsche Wirtschaftsgesch. ITT, 2, S. 266 und 296.