4 Gesell-Frankfurlh
49
Wenn die preise sinken.
das Geld des Kapitalisten sonst beschäftigt hätte,-sie feiern, und das Nationalvermögen
verliert die Produkte dieser Arbeiter.
Es ist keine Nachfrage da für die Arbeiter, heißt es dann im Rate der Stadtverordneten.
Augenblicklich (November 1908) liegen in den Berliner Banken große Geldmassen unbeschäftigt,
während sich die Stadverordneten mit der Frage der Arbeitslosigkeit befassen. Es wurde in der
Hochkonjunktur zu viel gearbeitet. Es war eine Überspekulation, die von der profitsucht der Unternehmer,
von der Geldgier der Arbeiter herrührte! So sagen die Zeitungen.
„Warum arbeiten die Proletarier mit Überstunden? Sie mußten doch
wissen, daß die Arbeit nachher fehlen würde. Wie vom Weizen, so gibt es
auch von der Arbeit einen Vorrat. Ist der Vorrat aufgezehrt, so ist keine
Arbeit mehr da." Mit solchem Unsinn erklärt man die Arbeitslosigkeit.
Die Nachfrage nach Arbeit und Ware ist nichts anderes als ein kaufmännisches Rechenexcmpel.
Steht der erwartete Gelderlös des Produktes über dem Einstandpreis, so fehlt es nie
an Nachfrage — mögen die preise noch so hoch stehen, möge die Produktion noch so großen Umfang
haben. So lange die Preise fest sind oder steigen, ist die Nachfrage nach Ware und Arbeit
nicht zu sättigen,- denn immer wird in solchen Fällen der Handel einen Gewinn abwerfen, und
dieser Gewinn ist immer die einzigeVoraussehungder Nachfrage des kaufmännischen
Geldangebots.
Gehen dagegen die Preise abwärts und fällt dadurch der Erlös regelmäßig unter den Kostenpreis
(Einstandspreis der Kaufleute, Produktionskosten der Unternehmer), so wird die Nachfrage
nach Arbeitern weggefegt,- und mögen die Arbeiter verhungern, es wird sie Niemand beschäftigen
können. Wer es versucht, der macht Bankerott.
Die Bedürfnisse der Arbeiter nach Arbeit und Brot sind eine natürliche Lebensäußerung,
die Nachfrage dagegen ein kaltblütiges kaufmännisches Rcchenepempel.
Bei einer allgemeinen Baisse ist es inatcriell unmöglich, Geld gewinnbringend
anzulegen. Wo der Kaufinann oder der Unternehmer den Fuß hinstellt,
sinkt er ein. Spottbillig werden die Waren angeboten,- die Arbeiter
gehen mit ihren Forderungen herunter, doch niemand kann sie beschäftigen.
Für den Kaufmann existiert billig und teuer ja garnicht,- er hat es auf die
Differenz, den Unterschied zwischen Einstand und Erlös abgesehen. Dieser
Unterschied allein interessiert ihn. Darum übt ein Herabgehen der Preise,
ein Nachlassen in den Lohnforderungen der Arbeiter gar keinen verlockenden
Einfluß auf ihn. Im Gegenteil: die bescheidene Haltung der Arbeiter macht ihn
stutzig, das Zurückgehen der Preise schreckt ihn ab. Weiß er doch, daß, wenn er
billig kauft, seine Konkurrenten auch billig kaufen und daß darum das Billigerwerden
kein Vorteil (vom Standpunkt seines Warenlagers im Gegenteil ein
Nachteil) für ihn ist. Was ihn interessiert, ist das Verhältnis des Verkaufspreises
zum Einstandspreis, und er berechnet, daß bei der bestehenden Arbeitslosigkeit
die Masse des Volkes nicht das Geld haben wird, um den Bedarf an Waren
in Kauf resp. Nachfrage zu verwandeln, und daß dann die Verkaufspreise
wegen ungenügenden Absatzes noch weiter heruntergehen werden.
Was nützt also das Billigerwerden der Waren! So ist nun die Kette geschlossen,-
ein vollkommener circulus vitiosus. Die Notenbanken kommen bei
der Baisse dem Markte nicht zu Hilfe, ziehen sogar ost noch Kapital und
Noten ein und setzen so die Preise weiter herunter. Der Kapitalist findet
keine Gelegenheit zu differenzbringenden Geschäften. Der Arbeiter seieU. Der
Kaufmann folgert von der vcrinindcrtcn Arbeitsgelegenheit einen verminderten
Warenkonsum und sinkende Verkaufspreise. Er bestellt nichts beim Unternehmer,
wodurch neue Arbciterentlassungen notwendig werden usw.