Full text : Aktive Währungspolitik

4  Gesell-Frankfurlh

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Wenn  die  preise  sinken.

das  Geld  des  Kapitalisten  sonst  beschäftigt  hätte,-sie  feiern,  und  das  Nationalvermögen ­
  verliert  die  Produkte  dieser  Arbeiter.
Es  ist  keine  Nachfrage  da  für  die  Arbeiter,  heißt  es  dann  im  Rate  der  Stadtverordneten.
Augenblicklich  (November  1908)  liegen  in  den  Berliner  Banken  große  Geldmassen  unbeschäftigt,
während  sich  die  Stadverordneten  mit  der  Frage  der  Arbeitslosigkeit  befassen.  Es  wurde  in  der
Hochkonjunktur  zu  viel  gearbeitet.  Es  war  eine  Überspekulation,  die  von  der  profitsucht  der  Unternehmer, ­
  von  der  Geldgier  der  Arbeiter  herrührte!  So  sagen  die  Zeitungen.
„Warum  arbeiten  die  Proletarier  mit  Überstunden?  Sie  mußten  doch
wissen,  daß  die  Arbeit  nachher  fehlen  würde.  Wie  vom  Weizen,  so  gibt  es
auch  von  der  Arbeit  einen  Vorrat.  Ist  der  Vorrat  aufgezehrt,  so  ist  keine
Arbeit  mehr  da."  Mit  solchem  Unsinn  erklärt  man  die  Arbeitslosigkeit.
Die  Nachfrage  nach  Arbeit  und  Ware  ist  nichts  anderes  als  ein  kaufmännisches  Rechenexcmpel.
  Steht  der  erwartete  Gelderlös  des  Produktes  über  dem  Einstandpreis,  so  fehlt  es  nie
an  Nachfrage  —  mögen  die  preise  noch  so  hoch  stehen,  möge  die  Produktion  noch  so  großen  Umfang ­
  haben.  So  lange  die  Preise  fest  sind  oder  steigen,  ist  die  Nachfrage  nach  Ware  und  Arbeit
nicht  zu  sättigen,-  denn  immer  wird  in  solchen  Fällen  der  Handel  einen  Gewinn  abwerfen,  und
dieser  Gewinn  ist  immer  die  einzigeVoraussehungder  Nachfrage  des  kaufmännischen
Geldangebots.
Gehen  dagegen  die  Preise  abwärts  und  fällt  dadurch  der  Erlös  regelmäßig  unter  den  Kostenpreis ­
  (Einstandspreis  der  Kaufleute,  Produktionskosten  der  Unternehmer),  so  wird  die  Nachfrage
nach  Arbeitern  weggefegt,-  und  mögen  die  Arbeiter  verhungern,  es  wird  sie  Niemand  beschäftigen
können.  Wer  es  versucht,  der  macht  Bankerott.
Die  Bedürfnisse  der  Arbeiter  nach  Arbeit  und  Brot  sind  eine  natürliche  Lebensäußerung,
die  Nachfrage  dagegen  ein  kaltblütiges  kaufmännisches  Rcchenepempel.
Bei  einer  allgemeinen  Baisse  ist  es  inatcriell  unmöglich,  Geld  gewinnbringend ­
  anzulegen.  Wo  der  Kaufinann  oder  der  Unternehmer  den  Fuß  hinstellt, ­
  sinkt  er  ein.  Spottbillig  werden  die  Waren  angeboten,-  die  Arbeiter
gehen  mit  ihren  Forderungen  herunter,  doch  niemand  kann  sie  beschäftigen.
Für  den  Kaufmann  existiert  billig  und  teuer  ja  garnicht,-  er  hat  es  auf  die
Differenz,  den  Unterschied  zwischen  Einstand  und  Erlös  abgesehen.  Dieser
Unterschied  allein  interessiert  ihn.  Darum  übt  ein  Herabgehen  der  Preise,
ein  Nachlassen  in  den  Lohnforderungen  der  Arbeiter  gar  keinen  verlockenden
Einfluß  auf  ihn.  Im  Gegenteil:  die  bescheidene  Haltung  der  Arbeiter  macht  ihn
stutzig,  das  Zurückgehen  der  Preise  schreckt  ihn  ab.  Weiß  er  doch,  daß,  wenn  er
billig  kauft,  seine  Konkurrenten  auch  billig  kaufen  und  daß  darum  das  Billigerwerden ­
  kein  Vorteil  (vom  Standpunkt  seines  Warenlagers  im  Gegenteil  ein
Nachteil)  für  ihn  ist.  Was  ihn  interessiert,  ist  das  Verhältnis  des  Verkaufspreises
zum  Einstandspreis,  und  er  berechnet,  daß  bei  der  bestehenden  Arbeitslosigkeit
die  Masse  des  Volkes  nicht  das  Geld  haben  wird,  um  den  Bedarf  an  Waren
in  Kauf  resp.  Nachfrage  zu  verwandeln,  und  daß  dann  die  Verkaufspreise
wegen  ungenügenden  Absatzes  noch  weiter  heruntergehen  werden.
Was  nützt  also  das  Billigerwerden  der  Waren!  So  ist  nun  die  Kette  geschlossen,- ­
  ein  vollkommener  circulus  vitiosus.  Die  Notenbanken  kommen  bei
der  Baisse  dem  Markte  nicht  zu  Hilfe,  ziehen  sogar  ost  noch  Kapital  und
Noten  ein  und  setzen  so  die  Preise  weiter  herunter.  Der  Kapitalist  findet
keine  Gelegenheit  zu  differenzbringenden  Geschäften.  Der  Arbeiter  seieU.  Der
Kaufmann  folgert  von  der  vcrinindcrtcn  Arbeitsgelegenheit  einen  verminderten
Warenkonsum  und  sinkende  Verkaufspreise.  Er  bestellt  nichts  beim  Unternehmer, ­
  wodurch  neue  Arbciterentlassungen  notwendig  werden  usw.
            
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