Full text : Tote und lebendige Wissenschaft

O.  Spann,  Tote  und  lebendige  Wissenschaft.  2.  Aufl.

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Diese  Lehre  schmeichelt  nicht  dem  Einzelnen,  indem  sie
seine  wirtschaftlichen  Entschlüsse  und  Handlungen,  seine  Wertschätzungen ­
  wie  seine  „Psychologie"  an  den  Anfang  stellt,  um
von  da  aus  die  wirtschaftliche  Welt  aufzubauen;  sie  kommt  auch
nicht  jenem  platten  Standpunkte  entgegen,  der  seinen  Blick
an  Gütermengen,  Markttreiben,  Preisen  und  Zahlen  sättigt
und  das,  was  als  stofftich  und  handgreiflich  in  die  Augen
fällt,  für  die  erste  oder  gar  die  alleinige  Wirklichkeit  der  Wirtschaft ­
  hält;  sie  ist  weder  eine  Psychologie  noch  eine  Buchführung ­
  der  Wirtschaft.
Unsere  Lehre  lenkt  ihren  Blick  höher  hinauf,  auf  das  Erste,
das  Ganze,  und  steigt  von  da  erst  herunter  zu  den  Gliedern.
Ja,  sie  ist  wirklich  eine  Wissenschaft,  die  von  oben  herab  und
nicht  von  unten  hinauf  steigt!  Sie  beruht  auf  der  königlichen
Erkenntnis  der  Ganzheit  und  der  Ordnung  ihrer  Ausgliederung,
welche  nach  Teilganzen  und  Stufen  vor  sich  geht,  und  in
beiden  wieder  nach  arteigenen  Vorrängen  und  arteigen  leistenden ­
  Gliedern  sich  darstellt.  Während  die  individualistische
Volkswirtschaftslehre  diesen  erhabenen  Sachverhalt  kaum  zu
ahnen  vermag,  indem  sie  an  dem  subjektiven  Scheinleben  der
Wirtschafter  als  Einzelner  und  an  dem  toten  Dasein  der  Güterwelt ­
  als  einer  materiellen  haftet;  ist  die  universalistische  Lehre
mit  der  Erkenntnis  der  Ganzheit  bereits  ans  Herz  des  wahren
Lebens  vorgedrungen.  Sie  erkennt  dem  einzelnen  Wirtschafter
seine  Selbständigkeit,  seine  Eigenkraft  wie  seine  unwiederholbare ­
  Einzigkeit  überall  als  eine  gliedhafte  zu  und  hebt  dennoch
t  die  Ganzheit  und  ihre  Ordnungen  über  ihn  und  seine  Subjektivität ­
  hinaus.  Denn  wohl  ist  allein  das  Einzelne  die  letzte,
greifbare  Wirklichkeit,  aber  bloß,  in  sofern  Ganzheit  darin  sich
darstellt.  Alles  Einzelne  für  sich  ist  welk,  aus  der  Ganzheit
erst  empfängt  es  Kraft  des  Daseins,  Wahrheit  und  Leben.
            
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